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Die Schicksale des Schachklubs Meppen-Haselünne (1978 - 1985)
Ganz nach oben hatte es 1974 gehen sollen - der Verein indes, für den ich 1978/79 meine ersten Partien in der Bezirksoberklasse absolvierte, hatte seine besten Zeiten bereits hinter sich und war im Niedergang begriffen. So befindet es der Chronist aus dem Abstand zweier Jahrzehnte, der den Blick schärft für jene Vorzeichen, die solchen Niedergang ankündigen. Ist man Zeitgenosse, befangen im Hier und Jetzt, mag man blicklos an den Menetekeln vorüberschreiten und in ihnen nicht mehr entdecken als des Alltags Auf und Ab, das nichts bedeutet und noch immer zu gutem Ausgang geführt hat. So ging es mir. Entsinne ich mich jener frühen Jahre, dann steigt aus der Vergangenheit mit dem Bild jenes Saals im Gartenrestaurant Finkenbrink die Erinnerung an ein bewegtes und - wie es schien - kerngesundes Vereinsleben auf. Zwar war inzwischen der Bobby-Fisher-Boom verebbt, doch konnte an den Vereinsabenden nicht selten an zehn Brettern gleichzeitig gespielt werden, und die schier unerschöpfliche Erfindungsgabe des Vorsitzenden und Spielleiters Heinz Neumann sorgte für einen wahren Wirbel von Veranstaltungen. Nicht so bald war man mit dem Pokal zu Ende geraten, als auch schon die Meisterschaft ins Haus stand, oft in mehreren Leistungsklassen und als offenes Turnier ausgetragen, um neue Mitglieder anzuwerben. Der Sieger durfte sich sodann Kreismeister nennen. Spezielle Kurzturniere und Stadtmeisterschaften fanden nebenher statt, und wer damit sein Genüge noch nicht hatte, mochte sich auf zahllosen Jugend- und Blitzturnieren nach Herzenslust austoben, auch gegen Spieler anderer Klubs, die mitunter eingeladen wurden. In diesem Rahmen wurden auch die traditionellen Freundschaftstreffen mit den holländischen Nachbarvereinen neu belebt. Krönendes Ereignis war dann, Dezember 1979, die Feier zum 2ojährigen Bestehen des Schachklubs Meppen, mit zahlreichen Gästen aus dem Umland, großem Schnellschach-Turnier und Festakt, der eine Brücke zur Vergangenheit schlagen sollte. Ausgeblieben seit Ewigkeiten waren ja die Mitglieder von ehedem; jetzt kamen sie noch einmal in stattlicher Zahl und wurden - ein Lütke und Op-permann, Knop und Klose wie auch das Löninger Original Benno Caspar - zu Ehrenmitgliedern erklärt. Rolf v. Hunnius aber und Leo Hiemann sahen sich zur Würde eines Präsidenten bzw. Vorsitzenden ehrenhalber erhoben. So versöhnlich sich dieser Akt auch ausnimmt, an die Vergangenheit ließ sich nicht mehr anknüpfen. Den alten und den neuen Verein trennte eine ganze Welt, zumal sich seit 1974 weiterer, einschneidender Umbruch vollzogen hatte. Längst ad acta gelegt war an jenem Jubiläumsabend die Spielgemeinschaft mit Löningen und zerplatzt der Traum vom Marsch an die Spitze des Verbandes. Im Verein aber gab eine neue Generation den Ton an. Noch einmal zurückkommen müssen wir auf jenes Wendejahr 1974, das nicht nur das Ende des alten Schachklubs mit sich bringt, sondern in dem sich noch eine andere Wachablösung ereignet. Damals nämlich treten Vereinsmeister Heinz Neumann und Pokalsieger Karl-Heinz Klose an, ihre im Vorjahr errungenen Titel zu verteidigen - wer sollte sie ihnen streitig machen? Friedrich Guba tut nun seit Jahren nicht mehr mit, und dem einzig verbleibenden Konkurrenten, Lothar Knop, fehlt in letzter Zeit der rechte Elan. Andere Anwärter sind nicht in Sicht, da werden die alten Haudegen die Sache wohl unter sich ausmachen. Es kommt jedoch anders. Gerade erst 16 Jahre jung, überrennt Carsten Rogge aus Herzlake in beiden Turnieren seine gestandenen Gegner und läutet mit diesem Doppelsieg eine neue Zeit im Meppener Schach ein, in der die Jugend das Szepter in die Hand nimmt. Denn dieser Rogge ist kein Einzelfall, sondern nur der auffälligste Vertreter einer ganzen Gruppe von Jungtalenten, die sich von Mitte der 7oer Jahre an zunächst in Jugend und Reserve ihre Meriten erwerben, um dann nach und nach bis in die I. Mannschaft aufzurücken. Zu diesem Kreis gehören aus Herzlake neben Rogge noch Fritz Finke, und aus Haselünne die etwas jüngeren Martin Burke und Reinhard Felthaus; aus Meppen selbst Edgar Herm und später Andreas Steinke; schließlich auch die Löninger Klaus Duschanek und Toni Schwefer, dessen älterer Bruder Friedrich Wilhelm schon seit 1974 das Meppener Verbandsklasseteam verstärkt. An den Vereinsturnieren in Meppen freilich nimmt Löningen nicht teil, sodaß hier zunächst Herzlake freie Bahn hat. Die Meisterschaften blei-ben bis 1978 eine Domäne von Carsten Rogge, der die folgenden drei Titel - die von 1975 scheint nicht ausgetragen worden zu sein - für sich verbuchen kann. Finkes Terrain ist dagegen der Pokalwettbewerb, den er 1975 und 1976 gewinnt. Nur für zwei Turniere dieser Jahre gibt der Vereinsordner detaillierte Informationen preis. Laut Tabelle sieht das "Ranglistentumier 1976/77" 13 Teilnehmer am Start und ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Rogge und dem Meppener Stadtmeister von 1976, Edgar Herm. In Abwesenheit von Finke geben die beiden Kontrahenten jeweils einen Zähler ab, der fällige Stichkampf entscheidet aber zugunsten Rogges, und auf den Plätzen folgen Bruder Jordan, Felthaus und Bruder Basilius. Das Pokalturnier des selben Jahres endet indes mit dem Überraschungssieg des erst 15 Jahre alten Martin Burke. In fünf Gruppen zu je 4 Spielern - unter ihnen noch einmal der Alt-Vorsitzende v. Hunnius wie auch schon Lydia Deeken, Bernhard Suntrup und Ernst Krebs - werden die Teilnehmer der Zwischenrunde ermittelt, und da schlagen sich neben dem späteren Sieger noch Finke und Rogge wie Bruder Basilius ins Halbfinale durch. Hier kann sich Martin Burke gegen Finke und im Finale dann auch gegen Rogge durchsetzen. Während im Jahr darauf - 1978 - mit Gerwin Wilms ein zwar auch noch recht jugendlicher, doch bereits im Berufsleben stehender und jüngst erst dem Verein beigetretener Spieler den Pokal gewinnt, ist dann 1979 endlich Reinhard Felthaus mit den ersten beiden Titeln seiner umfänglichen Sammlung an der Reihe. In der Meisterschaft läßt er Wilms, Jordan und Burke hinter sich, und gegen den alten Rauschebart holt er sich den Pokal ebenso. Den kann er 198o verteidigen (allerdings kampflos, da Heinz Neumann zum Finale nicht antritt), nicht jedoch den Meistertitel, der für diesmal an Wilms geht. Zählen wir recht und haben keine Veranstaltung übersehen, dann sind 12 der zwischen 1974 und 198o ausgespielten 14 Turniere vom Vereinsnachswuchs gewonnen worden, und da ja auch die beiden übrigen Titel dem nur wenig älteren Gerwin Wilms zufallen, so möchte man schon von einem imposanten Erfolg der Jugend sprechen, der dem Klub glanzvolle Zeiten verheißt. Angesichts dieser Bilanz und Spielstärke, wie hätte sich da einer um die Zukunft sorgen und den Unkenrufer machen wollen? Allein, in diesen Erfolgen spiegelt sich weniger die tatsächliche Spielstärke dieser Jungtalente, als vielmehr die Schwäche ihrer Gegner. Es war ja nur eine Handvoll Alter Herren, die es zu überwinden galt, und wie listenreich sich auch ein Basilius durchs Mittelspiel schlängeln konnte, Heinz Neumann hoffnungslose Stellungen verteidigte und der unverwüstliche Greis Jordan mit seinen hanebüchenen Opferattacken losschlug, tatsächliche Konkurrenten waren das nimmermehr - so wenig wie ein Wilhelm Daum oder Ernst Krebs oder Herat Hanson. Bis auf den Mittfünfziger Heinz Neumann allesamt im Rentenalter oder doch knapp davor, sind sie in einer Einzelpartie gewiß gefährliche Gegner gewesen, die auf die leichte Schulter zu nehmen sträflicher Leichtsinn war, es fehlte ihnen jedoch jene letzte Konzentration und mag sein auch der Ehrgeiz, um ein ganzes Turnier hindurch mithalten und es gewinnen zu können. Zehn Jahre zuvor hätten sich Rogge und Felthaus mit ganz anderem Kaliber messen müssen, mit einem Schwekendiek und Kotzschmar und Klose, ganz zu schweigen von Friedrich Guba und Lothar Knop, die zu jener Zeit auf dem Höhepunkt ihres Könnens angelangt waren. Die hätten den Jungens anderes abverlangt und ihnen dabei vieles vermitteln können; um 198o herum aber gab es solche Spieler im Schachklub Meppen-Haselünne nicht mehr - sieht man von Guba ab, der sich an Vereinsturnieren ja nicht mehr beteiligte. Dergestalt hat ein Carsten Rogge vier Meisterschaften in Folge dominieren und gewinnen können und stand am Ende mit einer Ingo-Zahl von 15o da. Gewiß, solche Bewertungen mögen so viel nicht besagen. Aber zwischen diesem Rating des Vereinsmeisters anno 78 und den Ingo 115 von Lothar Knop aus dem Jahr 197o liegt eine ganze Welt, und dabei hatte es für Knop in jenem Jahr lediglich zur Vizemeisterschaft gelangt. So also war der Stand der Dinge. Und die Mannschaft?
Eitel Schaum alle Hoffnung, es möchte die I. Mannschaft nach ihrem Aufstieg 1974 auch in der Verbandsklasse ein gewichtiges Wort mitreden können. Man kämpft gegen den Abstieg. Zwar, das erfolgreiche Team der Aufstiegssaison ist mit Guba und Knop, Klose und Hiemann, mit Schiewe aus Bentheim sowie den Löningern Ihorst, Benno Caspar und den jungen Friedrich-Wilhelm Schwefer beisammen geblieben; aber ach! es geht jetzt wieder gegen die übermächtigen Konkurrenten aus dem Münsterland. Gleich den ersten Spieltag setzt es in Dülmen eine herbe 1.5:6.5-Schlappe. Ein Unentschieden gegen Bramsche II und ein knapper Sieg beim SC Rheine folgen, aber das ist nicht mehr als ein Zwischenhoch, und so endet man nach glatten Niederlagen in den letzten drei Runden gegen die SF Münster, Heiden und Bocholt in der unteren Hälfte der Tabelle, punktgleich mit den Bramschern. Bei denen hat man dann auch zum Stichkampf anzutreten, den 31. Mai 1975 - eine hochdramatische Angelegenheit. Alles beginnt damit, daß Schiewe per Bahn aus Bentheim anreisen will und von Neumann am Osnabrücker Bahnhof abgeholt werden muß. Ob er aber überhaupt kommt, ist unklar, weshalb die Meppener nicht beginnen mögen und dafür auch - so scheint es - beim Gegner Verständnis finden. Endlich erscheint Schiewe, glatte 2o Minuten verspätet, und genau um diese Zeitspanne stellen die Spieler aus Bramsche nun, sich auf einmal auf das Reglement berufend, alle Meppener Uhren vor. Auch das noch. Nun, man krempelt die Ärmel hoch und geht die Sache mit einer gehörigen Portion Wut im Bauch an, so daß es nach fünf Stunden und verbissenem Kampf 3.5:3.5 steht. Über Klassenerhalt im Verband oder Abstieg in den Bezirk entscheidet die letzte Partie allein, und in dieser - an Brett 6 - schaut es rabenschwarz für Meppen aus: in einem Endspiel Läufer plus Bauer gegen Dame versucht der junge Schwefer das Unmögliche und den Abstieg noch abzuwenden. Aussichtslos, befindet Guba (dessen Partiensammlung wir diese Anekdote verdanken) und fährt nach Hause. Kaum aber dort angelangt, der sensationelle Anruf - Schwefer hat gewonnen! Im Hin und Her des Manövrierens hat sein Gegner König und Dame auf eine Läuferdiagonale gezogen und alsdann jener allerletzte Meppener Bauer das Rennen gemacht.Ein geschenkter Gaul, ein glücklicher Tag für die Spielgemeinschaft Meppen-Löningen. Es sollte der letzte sein. Denn in der folgenden Spielzeit (1975/76) ist kein Blumentopf mehr zu gewinnen. Fritz Finke hat Lothar Knop ersetzt, aber daran liegt es nicht, wenn die Mannschaft - genau wie ein Jahrzehnt zuvor bei ihrem ersten Auftritt in der Verbandsklasse Münsterland-Ost - so nun auch bei diesem ihrem letzten Auftritt Niederlage um Niederlage kassiert und erneut die Ehre nur mit einem einsamen Remis zu wahren vermag. Ein umgehender Wiederaufstieg, wie damals, wiederholt sich nicht; sei es, daß den Löningern ihre Fahrerei auf die Dauer zu beschwerlich wird oder sich die Verhältnisse in ihrem Stammbezirk inzwischen wieder normalisiert haben - die Spielgemeinschaft jedenfalls löst sich nach diesem Abstieg auf. In Freundschaft geht man auseinander und seines eigenen Weges, jedoch so, daß immerhin die Löninger Jugendlichen ein Weilchen noch für Meppen spielen dürfen. Und auch danach, Jahre später, haben sich die Vereine gegenseitig besucht, zu den traditionellen Blitzturnieren etwa, wo man dann als frisches Vereinsmitglied eine so beeindruckende Persönlichkeit wie Benno Caspar - stets mit einem Witzwort auf und einer Zigarette zwischen den Lippen - leibhaftig kennenlernen konnte. Ihorst und Caspar nicht mehr mit von der Partie, Schiewe gleichzeitig nach Bentheim heimgekehrt, fürs kommende Jahr abwinkend Leo Hiemann und nicht zu reaktivieren Lothar Knop - was nun? Das ist die Frage Sommer 1976, und Heinz Neumanns Antwort lautet: Man verwandle sich in einen Magier und zaubere, wie dieser Kaninchen aus einem leeren Zylinder, neue Spieler herbei. Fallen die Löninger aus, wie wäre es dann mit internationaler Verstärkung? Zugute kommen ihm dabei die traditionellen Beziehungen zu den holländischen Nachbarvereinen, und so können mit Dauwe Többen und G.A. Schütte zwei Niederländer gewonnen werden. Aus der eigenen Jugend aber lasse man Carsten Rogge und Edgar Herm - wie schon zuvor Fritz Finke - aufrücken und eins, zwei, drei, fertig ist die neue Mannschaft für die Bezirksoberliga. Wer aber auf solcherlei Kunststücke sich einläßt, muß dafür einen Preis zahlen. Legionäre und geborgte Jugendliche zusammenzuwürfeln, das macht noch keine Mannschaft und hält nicht lange. Über ein Jahrzehnt hinweg waren Kontinuität und die sich daraus ergebende Vertrautheit der Spieler untereinander die wahre Stärke des Meppener Schachklubs gewesen. Jetzt aber kommen und gehen die Holländer in ebenso bunter Folge wie die Löninger Talente - zu Beginn von drei aufeinanderfolgenden Spielzeiten muß jeweils die halbe Mannschaft ersetzt werden -, immer neue Formationen sind zu stellen, und diese Unruhe macht, daß sich die wenigen Altgedienten kaum noch zu Hause fühlen. 1977 steigt Karl-Heinz Klose aus, als Vorletzter der alten Garde aus den 6oer Jahren. Von nun an harrt in der Ersten einzig noch Friedrich Guba aus; aber mit welchen Gefühlen mag er in diesen Jahren von seinem ihm angestammten Platz aus auf die Bretter hinter sich geschaut haben? Dort, wo vordem die Freunde und Altersgenossen saßen, nun lauter junge und unvertraute Gesichter, an die sich zu gewöhnen keine Zeit bleibt, so rasch und spurenlos sind sie wieder entschwunden. Dies war der Weg nicht. Sondern eine Fehlentwicklung, die von der vagen Hoffnung ausgegangen war, es ließe mit den Holländern sich wiederholen, was schon einmal - auf Zeit - mit den Löningern zum Erfolg geführt hatte. Und eben in diesem "auf Zeit" stak ja das eigentliche Problem. Sechs Jahre hindurch, von 1972 bis 1978, hat Heinz Neumann versucht, das Meppener Schach in großem Stil aufzuziehen und ihm eine Basis von Löningen bis Emmen zu verschaffen, nur um erkennen zu müssen: daß dies mit den bescheidenen Mitteln eines Provinzvereins nicht gelingen konnte. Hier und dort über persönliche Beziehungen Schachspieler zum Mittun zu bewegen oder auch die Gunst der Stunde zu nutzen (wie im Fall Löningen) - das war möglich. Ging die Stunde dann aber vorüber und nahm der gute Wille ab, dann erwies sich das Engagement dieser Gäste als das, was es immer nur gewesen war, als Episode. Wie traurige Ironie mutet es an, daß all diese hochfliegenden Pläne just in dem Moment begraben werden mußten, da ihr Initiator den Vereinsvorsitz übernahm. Schon über Heinz Neumanns Rede anläßlich seiner Wahl 1978 dräuen dunkle Wolken: die II. Mannschaft hat sich nach langen Jahren in der Bezirksliga dort nicht mehr halten können und ist ebenso abgestiegen wie die Jugendformation. Was ist da los? Jedoch so unversehens fällt dieser Schlag, so sehr hat man sich angewöhnt, allezeit nach oben zu schielen und mit einer bedeutenden Rolle auch in höheren Klassen zu liebäugeln, daß niemand sich so recht mit Besorgnissen quälen mag - bis auf Heinz Neumann selbst. Der nämlich hat für die kommende Spielzeit 1978/79 wieder einmal eine runderneuerte I. Mannschaft aufzubieten. Endgültig ausgeschieden sind jetzt die Löninger, gegangen die Holländer bis auf Dauwe Többen, für dessen Gastspiele das 4. Brett noch bis 198o freigehalten wird. Mit Guba am Spitzenbrett, Finke und Rogge, mit Wilms dann an Fünf vor Felthaus und Burke sowie Suntrup also nach langer Zeit wieder ein fast zur Gänze "hausgemachtes", auf Kontinuität und Zusammenhalt angelegtes Team. Bei allem Wohlwollen aber keine Mannschaft, mit der sich Bäume ausreißen ließen. Und so schlägt man sich mehr ordentlich denn erfolgreich durch die letzte Münsterländer Saison und gleitet 1979 in die neuen Zeiten hinüber, in den Schachbezirk Osnabrück-Emsland, woselbst Meppen in die Bezirksliga eingeordnet wird - was keine Abstufung bedeutet, da Oberliga und Oberklasse hier nicht vorhanden und durch Kreisgliederungen ersetzt sind. Angesichts der starken Vereine aus Osnabrück und Umland kann das Ziel nur Klassenerhalt heißen, und da ist es immerhin tröstlich, daß man sich nicht gar so alleingelassen fühlen muß und mit Lingen und Bentheim und den beiden Nordhorn eine Reihe alter Bekannter gleichfalls das Quartier gewechselt haben. Mehr als Trost vermag dieser Umstand allerdings wirklich nicht zu spenden, denn Jahr um Jahr langt es gerade eben dazu, am Rande des stets drohenden Abstiegs in die Bezirksklasse entlangzutaumeln. Es ist deprimierend. Von auch nur den kleinsten Ambitionen nach oben kann vorderhand keine Rede sein - vielleicht in einigen Jahren, wenn aus den Jungtalenten etwas geworden ist und die Mannschaft zusammenbleibt. Wenn. Da steigen, 1981, Finke und Rogge aus.
Daß ein Unglück selten allein kommt, ist eine abgedroschene Weise und wäre eine nichtsnutze Erklärung für das, was unserem Verein Anfang der 8oer Jahre widerfahren ist, wenn man dabei an eine ferne Instanz denkt, die über unserem Geschick waltet und einen Schicksalsschlag nach dem anderen austeilt. Denkt man sich jedoch einen Verein wie einen Organismus, in dem alles mit allen in Verbindung steht und sich beeinflußt, zum Guten wie leider auch zum Schlechten, dann mag sich aus jener Weise Weisheit ziehen lassen. Wo Ziele nicht erreicht und gekürzt werden müssen, sinkt die Moral, da es an Erfolgserlebnissen mangelt; Mißmut wirkt zurück und wandelt sich neuerlich zu weiterem Mißerfolg; die Zügel beginnen zu schleifen, da alles um so viel steiniger, als man sich das gedacht; am Ende bedarf es nurmehr eines Anstoßes und alles geht aus dem Leim. Stellen wir die (nachträgliche) Diagnose: Erstens - schwindet der noch kürzlich so stolze Einzugsbereich des Meppener Schachklubs schnell dahin. Als der einzige Verein im Altkreis war er über fast zwei Jahrzehnte hinweg nicht nur eine Meppener Angelegenheit, sondern auch die Adresse für Spieler aus der ganzen Umgebung gewesen. Nach Löningen (1978) und den holländischen Legionären (198o) nimmt mit Finke und Rogge nun auch Herzlake Abschied. Die Herzlaker waren seit 1962 dabeigewesen, hatten dabei zeitweise bis zu einem Viertel der Mitglieder und in Leo Hiemann für vier Jahre auch einen Vorsitzenden gestellt. Von da an - niemanden mehr. Zweitens - nimmt die Mitgliederentwicklung auch innerhalb des Rumpfvereins recht problematische Züge an. In den 6oer Jahren waren nach Anzahl und Spielstärke die 3o- bis 5o-Jährigen die tonangebende Gruppe gewesen - Spieler mithin, die alle schon im Berufsleben standen und mitsamt ihrer Familien in Meppen und Umgebung das Zentrum ihres Lebens gefunden hatten. Sehr viel hat dies zu Gemeinschaftsgefühl und Vereinstreue beigetragen. Anfangs der 8oer Jahre spielt diese Gruppe kaum noch eine Rolle und hat sich der Verein in einen seltsamen Zwitter verpuppt. Einerseits ist es ein Alt-Herren-Klub, wobei diese Senioren im Lauf der Jahre zunehmend die rechte Begeisterung nicht mehr aufbringen, sich an ernsthaften Turnieren zu beteiligen. Man möchte unter sich bleiben und dem Hobby in freier Form frönen. Ein mir noch lebhaft vor Augen stehendes Beispiel dafür war ein sich über Wochen hinziehender Zweikampf zwischen Daum und Hanson zum Thema 1.e4 c5 2.f4 - . Beide hatten ihr herzhaftes Vergnügen daran und ließen sich kaum in diesem exklusiven Wettstreit stören. Gleichzeitig aber ist man ja ein Verein für Jugendliche, mit nachmittäglichen Trainingsrunden und den unvermeidlichen Blitzschlachten des Abends (dies zum Mißvergnügen der Alten Herren), und diese zwei Gruppen finden nur mühsam noch zusammen. Drittens - stellt sich nun heraus, daß das mit der Jugend ein durchaus zweischneidiges Schwert ist. Gewiß, hier in diesem Nachwuchs liegt die Zukunft eines jeden Vereins, für einen Klub aus der Provinz indes weit unsicherer als für den in einer Groß- oder Universitätsstadt. Denn mit Ende der Schulzeit, mit Wehrdienst und Studium verlassen neun von zehn Jungspielern die Heimat gerade in dem Moment, da der Verein recht aus ihnen Nutzen ziehen könnte. Finke und Rogge geben dafür das Beispiel: nach 1978 sind sie eigentlich fort, und wenn sie danach auch noch für einige Jahre wenigstens der Mannschaft zur Verfügung stehen, ist der Ausgang abzusehen. Die Wochenendfahrerei wird zu mühsam, mit den Training fehlen auch die Erfolge, und die Verbindung zum Verein löst sich. Natürlich finden sich dann wieder neue Nachwuchsspieler, aber da auch diese nach wenigen Jahren abwandern, bleibt für die Mannschaft und ihre Spielstärke wenig an Zugewinn. Viertens - leidet dann auch das gesamte Vereinsleben unter dieser Abwanderung. Da die Alten immer älter werden, die Jungen nicht bleiben - wer denn wächst nach, um später einmal die unumgängliche Vereinsarbeit zu übernehmen? Praktisch lasten, wenn auch Bernhard Suntrup und dann Lydia Deeken den stellvertretenden Vorsitz wahrnehmen und Gerwin Wilms zwischenzeitlich einmal als Turnierleiter einspringt, in der ersten Hälfte der 8oer Jahre alle Aufgaben auf den Schultern von Heinz Neumann (Vorsitz und Turnierleitung) und Bruder Basilius (der in Personalunion Kassierer, Schriftführer, Pressewart und Motor der Jugendarbeit ist). Wohl können dann und wann auch Jugendliche dafür gewonnen werden, wenigstens für einen Teil dieser Arbeit zur Verfügung zu stehen, der Kreis derer, die dies langfristig übernehmen und fortführen könnten, ist jedoch damals erschreckend klein. Und so mag sich Heinz Neumann mehr als einmal sorgenvoll gefragt haben, wie es mit dem Verein eines Tages weitergehen soll - kaum die Stimmung, die einen die Probleme der Gegenwart schwungvoll angehen läßt. Zu all diesem könnt dann doch noch so etwas wie ein Schicksalsschlag hinzu, indem nämlich 198o der Wirt des Gartenrestaurants Finkenbrink stirbt. Mit seinem Nachfolger ist kein Einvernehmen zu erzielen, und so hat man diese Heimstatt zu verlassen und nach neuem Unterschlupf zu fahnden. Das neue Spiel- lokal ist die Gaststätte Kösters an der Bokeloher Straße, ein Kellerraum, kaum groß genug, darin die Mannschaftskämpfe auszutragen. Mehr als nur ein Symbol für Abstieg und Misere ist diese Örtlichkeit; nach der Weitläufigkeit des Finkenbrink'schen Saales wirkt die Atmosphäre der Enge und Bedrückung wie Blei für Geist und Moral. Aus diesem Kellerloch heraus zu großer Tat sich zu erheben, das scheint ebenso unwirklich, wie auch nur, in dieser Ungastlichkeit ein fruchtbares Vereinsleben aufrecht zu erhalten. Und so versinkt, gefangen im Netz der Widrigkeiten, der Schachklub Meppen-Haselünne in die Provinzialität. Noch eklatanter als ein gutes Jahrzehnt zuvor äußert sich die Krise im Verfall der Vereinsabende und insbesondere in der abnehmenden Turnierkultur. Bis 1985 werden lediglich noch zwei Pokalwettbewerbe ausgetragen - 1981 und 1983 - und jeweils von Reinhard Felthaus gewonnen. Übel ergeht es auch den Vereinsmeisterschaften: 1982 siegt Gerwin Wilms knapp vor Felthaus, bei blamablen acht Teilnehmern. Eine weitere, um die Jahreswende 1983/84 ausgetragen, steht dann ganz und gar unter einem Unstern und wird vom Tod Herat Hansons überschattet, der nach wenigen Zügen einer Partie einer Herzattacke erliegt. Ob diese Meisterschaft danach überhaupt zu Ende gespielt worden ist, darüber schweigen sich die Vereinsunterlagen aus. Der Verein siechte dahin. Alles weitere war nur konsequent.
Veldhausen - Samstag, den 31. Juli 1982. Während draußen die Menschen ein blitzblaues Sommerwochenende mit den Vergnügungen verbringen, die ihm angemessen sind, mit Freibad und Eis also oder einer Spritztour auf die Inseln, tritt einmal mehr die I. Mannschaft zu einem Stichkampf an. Veldhausen, der Gegner, hat sich in der Bezirksklasse qualifiziert und möchte dorthin, von wo die Meppener nicht absteigen wollen, in die Bezirksliga. Ununterbrochene zwanzig Jahre hat der Meppener Klub stets mindestens der höchsten Spielebene seines jeweiligen Bezirks angehört, und ebenso ununterbrochen sitzt in dieser Zeit Friedrich Guba am ersten Brett. Heute spielt er seine 12o. Pflichtpartie und macht mit ihr die zwanzig Jahre voll. Ein stolzes Jubiläum; gern hätte er zu diesem Anlaß um etwas anderes gekämpft als gegen den Abstieg und seine Karriere mit einen schönen Erfolg abgeschlossen. Denn 63 ist er jetzt und findet es an der Zeit, den Platz zu räumen für einen Nachfolger, für Gerwin Wilms oder Reinhard Felthaus, die nach dem Ausscheiden von Finke und Rogge in der abgelaufenen Saison die Plätze hinter ihm eingenommen haben. Ja, diese Saison. Nach zehn Jahren in der II. Mannschaft hat sich Heinz Neumann selbst reaktivieren und mit Herat Hanson einen der Senioren aufbieten müssen, um die Löcher zu stopfen. Alle andere Kombinationen wären noch hoffnungsärmer gewesen, aber auch so ist es schlimm gelaufen. Mit Ach und Krach der vorletzte Platz unter den neun Mannschaften, traurige Zeiten. Immerhin jedoch erhält man eine allerletzte Chance - noch ist Meppen nicht verloren, auch wenn man mit zwei Ersatzspielern anreisen muß. Indes, da sich an diesem strahlenden Sommertag der Abend neigt, ist alle Hoffnung am Ende. Für die Mannschaft, die einstmals ihren Bezirk dominiert hatte und auch gegen die Vereine aus dem Münsterland bestehen konnte, reicht es nun nicht einmal mehr für die Veldhäuser Newcomer. Sang- und klanglos gehen die unteren vier Bretter ein, und als habe man schon gar nicht mehr an sich geglaubt, ergibt sich das Team in eine 2.5:5.5-Niederlage. Abstieg, nach zwanzig Jahren ein tiefer Fall. Aus diesem Trauerspiel ragt einzig Friedrich Gubas Partie heraus. Im 15. Zug läßt sich sein Gegner eine leichte Ungenauigkeit zu schulden kommen, und dann läuft über dreißig Züge ein Uhrwerk ab, so scheinbar selbstverständlich und in jeden Zug stichhaltig, daß dem Gegner keine Chance und dem Nachspielenden der Eindruck bleibt, die einfachste Sache auf der Welt sei das Schachspiel. Den Schachklub in seinem Unglück da im Stich zu lassen, dies ist die Sache eines Friedrich Guba nicht. Und so spielt er auch in der Bezirksklasse weiter, schlägt sich herum mit den Leiber und Becker-Schönfelt, an der Spitze einer Mannschaft, deren Mitglieder inzwischen die Enkel sein könnten. 1987 hört er auf, nach einem Vierteljahrhundert am ersten Brett: Friedrich Guba, "der Letzte von alten Stamm", der Supermann des Meppener Schachs. Seine Prophezeiung aber, noch am Abend des Abstiegs auf dem Partieformular notiert, hat sich erfüllt. Die Mannschaft sei, gemessen an ihrer Vergangenheit, nurmehr ein Schatten ihrer selbst und werde auch in der neuen Liga schwer zu kämpfen haben. Ein wahres Wort. Über lange Jahre hinweg ging es auch in der Bezirksklasse gegen einen weiteren Abstieg, und die Rückkehr in die Bezirksliga ist dem Verein erst eine halbe Ewigkeit später, 1993, gelungen.
Meppen - Samstag, den 29. Juni 1985 Wieder einmal tagt die Generalversammlung des Schachklubs Meppen-Haselünne, sie könnte es heute in Schwarz tun. Nach den üblichen Zeremonien muß zur Wahl eines neuen Vorstands geschritten werden. Denn: Basilius Fritsch, der dem Verein seit fünfzehn Jahren angehört und ihm all seine Tatkraft zur Verfügung gestellt hat, ist in das Mutterhaus zu Bamberg abberufen worden. So wie Heinz Neumann in jener Zeit der Kopf des Schachklubs war, so Bruder Basilius dessen Herz. Ein tiefer Einschnitt in die Vereinsgeschichte und ein schwerer Verlust. Und unter dem letzten Punkt der Tagesordnung folgt der nächste Schlag: es hat sich in Haselünne ein eigener Verein konstituiert, der schon damit beginnt, dem Schachklub die Mitglieder und besonders die Jugendlichen abzuwerben. In Haselünne, da hatte 1969 die Wiedergeburt des Schachklubs ihren Anfang genommen, dort war 1976 unter der Ägide von Bruder Basilius die Jugendarbeit in Schwung gekommen und hatte dem Verein Reinhard Felthaus und Martin Burke und jüngst noch Oliver Behrendt beschert, von dort kommt glatt die Hälfte der aktuellen I. Mannschaft. Es geht einem das zweite Standbein verloren - wenn es nicht gar das eigentliche ist! Das war das Ende des Schachklubs Meppen-Haselünne, und indem man sich im folgenden Jahr mit neuer Satzung in einen eingetragenen Verein umwandelte, nutzte man diese Gelegenheit, unauffällig den Zusatz "Hase-lünne" im Vereinsnamen zu streichen. Für Heinz Neumann muß dies ein bitterer Moment gewesen sein. Und gleichzeitig war es der Tiefpunkt in der 4ojährigen Geschichte des Schachklubs Meppen.
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