A u g u s t t a g e

1978

Zum weiland Gartenrestaurant Finkenbrink - heute werden dort griechische Spezialitäten serviert und nichts in dem Lokal erinnert noch an die Gaststätte von ehedem - gelangt man über den Hasebrink oder die Kanalbrücke, indem man auf den Helter Damm abbiegt. Die Straße fällt zügig ab, tut eine Kurve nach rechts und eine weitere zurück und führt dabei über den alten Emskanal. Linkerhand liegt ein Schleusenbecken, mit Steinwerk und hölzernen Toren, Seerosen und Wasserlinsen, von Bäumen beschattet: die Koppelschleuse, ein romantischer Ort. Gleich nebenan das Gartenrestaurant. Durch Tür und Windfang tritt ins Dämmrige ein, wer aus lichtem Sommerabend kommt.
Sofort hinter dem Eingang befand sich links der Tresen, an dem vorbei der Weg zu den Säalen führte, deren es damals zwei gab, beide hintereinander gelegen und durch eine breite Falttür getrennt. Da diese an jenem Sommerabend nur zur Hälfte zugezogen war, fiel mein erster Blick in diesen hinteren Teil der Gesellschaftsräume, eine unerleuchtete Höhle, in der Tische und Reservestühle übereinandergestapelt lagerten und besserer Zeiten harrten.
Im vorderen Teil das eigentliche. Personen standen herum, das Geschehen konzentrierte sich auf eine Tischreihe direkt unter der Fensterfront, die den Saal recht und schlecht erhellte. Ein Halbdutzend Bretter waren hier aufgebaut, davor und dahinter Jugendliche und Alte Herren in kleinen Gruppen, auch eine Frau war dabei. Aus diesem Bild löste sich nach einem langen Moment eine untersetzte Gestalt, dunkel gekleidet und mit glattem Kragen, die Haare schon fast weiß, die fragte mich erwartungsfroh nach meinem Begehren. Das war Bruder Basilius, und er vermittelte mich sogleich an einen Tisch - nicht an der Fensterfront, wo das Eigentliche geschah, sondern etwas abseits, an der Falttür - , besorgte mir als Gegner einen der Jugendlichen (das war Martin Wilmes), und so spielte ich meine erste Partie im Schachklub Meppen-Haselünne. Zwischen die Züge ließ sich gelegentlich eine Frage einstreuen - was denn wohl jener Auflauf an den Brettern unter dem Fenster zu bedeuten habe? Dort würden gerade die letzte Partien aus dem Turnier gespielt oder analysiert. Aha. Und wer das denn da alles sei? Rogge und Felthaus und Burke und Steinke, nur Finke würde heute fehlen - damit wurde die Sache kaum klarer. Gefährlich dreinschauende Jugendspieler, einer wie der andere. Und jene Frau? Frau Deeken natürlich, dumme Frage. Jener elegante, dezent und lautlos in sich hinein lachende alte Herr -? Herr Daum. Und die tief beeindruckende Persönlichkeit mit grauem Rauschebart und Hindenburg-Haupt, die wie ein Denkmal hinter einem der Bretter saß und dann mit einemmal die Faust hervorschießen ließ, um einen Zug aufs Brett zu werfen -? Klarerweise Bruder Jordan, der immer mit einem blitzen will, und das tut man besser nicht. Der da aber von Tisch zu Tisch schreitet und sich in kurze Gespräche vertieft, das ist Heinz Neumann, der Vorsitzende.
Nach einigen Partien war der Reiz des Spielens erschöpft und der Gesprächsstoff mit Martin Wilmes ausgegangen. Und da all die anderen mit sich beschäftigt waren, schien es an der Zeit, zu gehen. Im Weg stand jedoch Bruder Basilius, wie von Zauberhand. Ob ich denn beitreten wolle? Auf mein vages: Nun ja, listig: Gerade habe er noch ein vakantes Mitgliedsbuch entdeckt. Und wie ich es mir auch denn noch bis nächste Woche oder so durch den Kopf gehen lassen wollte, listiger: Günstiger aber wäre es doch jetzt sofort, da würde es nur eine Mark kosten. Erwartungsfroher Blick - dem man nie etwas abschlagen konnte. So wurde die Mark diesen Abend bezahlt, und ich war ordentliches Mitglied im Schachklub Meppen-Haselünne, es steht verzeichnet in der Kassenliste unter dem 3. August 1978.
Fremde Menschen, unvertraute Gesichter - man fühlt sich schrecklich neu und fehl am Platz. Die anderen, ja die kennen sich schon ihr Lebtag lang; und fragte man einen Daum oder Bruder Jordan, er wüßte davon zu erzählen, wie es in den letzten zwanzig Jahren dem Verein ergangen ist und wie man ihn aus der Taufe hob. Seit grauer Vorzeit aber ist Heinz Neumann sein Vorsitzender.
So erscheint es dem Neuling.

1974

Dieser Augusttage ist Generalversammlung, und von seinem Amt zurücktreten will Rolf v. Hunnius. Gut fünfzehn Jahre ist inzwischen der Schachklub Meppen alt, vierzehn davon war er der Vorsitzende und hat in Würde die Belange des Vereins nach innen und außen vertreten, in guten wie in schlechten Tagen - vor vier, fünf, Jahren, als auf den Spielabenden nur noch eine Handvoll Unentwegter erschien. Jüngst aber hat sich das Vereinsgeschehen neu belebt, sogar einen rapiden Aufschwung genommen. Zahlreich wie nie sind die Mitglieder, gegen vierzig werden es sein, darunter erfreulich viele Jugendliche. Einem von ihnen ist es doch gerade geglückt, das Vereinspokalturnier zu gewinnen. Weiter sind für die abgelaufene Saison erstmals drei Mannschaften gemeldet gewesen, dreißig Spieler zum Einsatz gekommen, und das mit Erfolg. Denn nach Jahren des Stillstands erneut in die Verbandsklasse aufgestiegen ist die I. Mannschaft, nach imponierend glattem Durchmarsch. Und wenn Vergleichbares der II. und III. Mannschaft für diesmal auch noch nicht so ganz gelungen ist, so dann zweifellos in der kommenden Spielzeit. Daneben haben sich auf den Bezirkseinzelmeisterschaften die Jungtalente rühmlich hervorgetan, zweite und dritte Plätze gegen starke Konkurrenz errungen - kurzum: Erfolg, wohin man blickt. Der rechte Zeitpunkt also für einen Vorsitzenden, auf dem Zenit und unter dem verdienten Beifall für die geleistete Arbeit abzutreten, dem Nachfolger ein trefflich bestelltes Haus zu übergeben. So an der Oberfläche.
Indes aber an diesem Abend des 14. August - es ist gegen halb neun, da man den Beginn der Versammlung hat hinausschieben müssen - Rolf v. Hunnius sich zu seiner Eröffnungsansprache erhebt, da mag er sich im Stillen eingestanden haben, daß diese Erfolge kaum mit ihm und eigentlich auch wenig mit dem alten Schachklub Meppen zu tun haben. Den Aufstieg der I. Mannschaft zum Beispiel, den verdankt man vier Gastspielern aus Löningen und Bentheim, die von Spielleiter Heinz Neumann kurzerhand angeworben und in das Team gesteckt worden sind; und nicht aus Meppen, sondern aus Herzlake stammen die erfolgreichen Jungtalente und gehen in Löningen aufs Gymnasium, von wo man sie geerbt hat. Andere haben dies alles geplant und organisiert, und er, der alte Vorsitzende, hat es in seinem Namen geschehen lassen. Und wirft er jetzt, bei den einleitenden Worten zu seiner letzten Rede, den Blick in die Runde, dann schaut er in viele fremde und kaum noch in vertraute Gesichter. Gewiß, neben ihm sitzt Otto Lütke, da ist ein Klose und ein Knop, Leo Hiemann ist da und Friedrich Guba - aber wohin sind die vielen anderen entschwunden, die Immisch, Singer und Schaaf, die Oppermann und Riemann und Dupree, und die Späteren, Vollmers-hausen und Dost, Schwekendiek, Schmidt und wer alles noch? Ausgetreten oder irgendwann einfach nicht mehr erschienen, tot und begraben.
Nein, nicht auf dem Zenit, nicht aus der Mitte des Geschehens heraus tritt Rolf v. Hunnius ab, sondern als der eine von zwei Letzten, die sich der Gründungstage des Vereins noch zu entsinnen vermögen. Längst schon fremd im eigenen Verein, ist er nurmehr Zeuge seiner Vergangenheit. Und so wird aus Rolf v. Hunnius´ Eröffnungsworten mehr als das; es wird eine Chronik in mündlicher Form, die Kontinuität dort schaffen soll, wo Erinnerung nicht vorliegt. Der scheidende Vorsitzende erzählt, wie es war von allem Anfang an, erzählt von der Gründung und vom militärischen Stetzko und von Ender, wie der die Unmengen von Büchern und Brettern bestellt hatte, läßt verdienstvolle Namen und große Erfolge Revue passieren und bedeutsame Ereignisse wie die Ausrichtung des Bezirksfestes im Jahre 1966 - erzählt dies alles den Söhnen und Enkeln zum Verständnis und zur Lehre, flüssig und detailliert, anschaulich und präzise. Und verhaspelt sich doch. Denn wie die Rede schon geschlossen hat, da fällt ihm auf, daß das Wichtigste vergessen worden ist. Und so ergreift Rolf v. Hunnius nochmals das Wort, um der Toten zu gedenken, des alten Koepke und des steinalten Kuschke und des jungen Mundil. Wie nur hat er gerade dies vergessen können?

Wir wissen davon so genau - nun, nicht durch Augenzeugen; die mochten sich an diese unerfreuliche Generalversammlung nicht lange erinnern und haben heute alles längst vergessen. Auch nicht aus einem regelrechten Protokoll, was doch zu jeder Mitgliederversammlung angefertigt wird - hier aber nicht. Erhalten hat sich jedoch, undatiert und unklar in manchem, die originale Mitschrift dieser Sitzung, von der Hand des damaligen Schriftführers, das war Bruder Basilius. Der hat sich in Stichworten die Erinnerungen Rolf v. Hunnius´ aufnotiert, so gut es eben gehen wollte. Gelegentlich, vor allem bei den Eigennamen, ging es schlecht, so daß wir von einem Dubree und einem Emmisch vernehmen - die waren vor seiner Zeit gewesen und sagten ihm nichts. Notiert aber hat Basilius auch, was der Rede weiter folgte, zunehmend bekümmert und ratlos, denn das war unschön. Glatt war an jenem 14. August nur die Oberfläche, im Hintergrund die Atmosphäre aber vergiftet und zum Zerreißen gespannt. Dies trug sich zu:

Nach der Rede will es noch eine Weile gutgehen; da legt Spielleiter Heinz Neumann Rechenschaft über die so erfolgreich verlaufene Saison ab und hat Kassenwart Alfred Rosen keine Mühe, sich über den Stand der Vereinsfinanzen auszuweisen. Entlastung und Rücktritt des Vorstandes sind schnell geschehen. Nun aber muß, nach den hohen Regeln der Vereinskunst, der neue Vorsitzende bestellt werden, wozu Otto Lütke die Leitung der Versammlung übernimmt. Anscheinend hat die Runde um Vorschläge gebeten und sind diese durch Zuruf auch erfolgt, denn Basilius hält in dieser Reihenfolge drei Namen fest: Knop - Hiemann - Totzke. Lothar Knop winkt sofort und eindeutig ab, das ist nichts für ihn; bleiben die zwei anderen Kandidaten, von denen sich Leo Hiemann dann gewählt findet, und zwar einstimmig. Das läse sich schön, stünde da in der Mitschrift nicht der fatale Zusatz: „im Interesse des Vereins“. Eine ganz und gar unheilschwangere Formulierung und nur so zu verstehen, daß Ernst Totzke und die Seinen sich zähneknirschend dem Votum der Mehrheit angeschlossen und dies Zähneknirschen deutlich kund und zu wissen getan haben.
Der frisch gekürte Hiemann unternimmt sein Bestes, die Wogen zu glätten, würdigt die Verdienste des abgelösten Rolf v. Hunnius, trägt ihm die Ehrenmitgliedschaft an - allein, es ist umsonst. Denn jetzt naht unerbittlich die Wahl des Zweiten Vorsitzenden, und dafür wäre ja Totzke der gegebene Kandidat, er bräuchte dies Trostpflaster für die Niederlage von vorhin nur zu akzeptieren. Er tut es nicht. Statt dessen bekommt die Versammlung ein vehementes Plädoyer für eine in Meppen selbst intensiv zu betreibende Jugendarbeit zu hören und dazu das Ultimatum vorgesetzt, er - Totzke - stünde dem Verein nur zur Verfügung, wenn eine Namensänderung gänzlich ausgeschlossen werde. Womit die Katze aus dem Sack ist.
Um was geht es hier denn eigentlich? Nun - die Frage, die im Sommer 1974 den Schachklub Meppen spaltet und von der das Thema Änderung des Vereinsnamens nur das sichtbare Achtel des Eisberges darstellt, ist die nach einer eventuellen Spielgemeinschaft der Schachvereine aus Meppen und Löningen. Die Anfänge dieses Planes gehen zurück auf des Jahr 1972; was da mit zwei, drei Gastauftritten einzelner Löninger Spieler begonnen hat, bringt Spielleiter Neumann auf die Idee, die Löninger mit Beginn der Saison 1973/74 im großen Stil in den eigenen Verein zu integrieren. So tritt ein gutes halbes Dutzend von ihnen dem Meppener Schachklub bei und wird auf die nun möglichen drei Mannschaften verteil - die zwischen beiden Städten verlaufende Verbandsgrenze gestattet dabei den Löningern ihre doppelte Vereinszugehörigkeit. Keine Frage, daß sich dieses Experiment als höchst erfolgreich erweist und den Meppener gerade jenen Wiederaufstieg in die Verbandsklasse ermöglicht, von dem oben schon die Rede war, und daß dieser Erfolg Appetit macht auf mehr. Die Zusammenarbeit nach diesem Probejahr nun zu institutionalisieren, sei es auf dem Wege einer Spielgemeinschaft oder gar in Form einer Vereinsfusion, das will einem schon als das Gebot der Stunde und auch als erster Schritt zu weiteren, größeren Erfolgen erscheinen. „Ganz nach oben“ sagt Heinz Neumann fünfundzwanzig Jahre später, habe er damals mit dem Schachklub gewollt, und fragt man ihn, wie das denn zu verstehen sei, so ist die Antwort ein hintersinniges Lächeln: ganz nach oben halt.
Keine Frage aber auch, daß eine solche Ost-Erweiterung Unfrieden zu stiften in der Lage ist. Soll der Klub tatsächlich von seinem Zuwachs profitieren, dann sind ja die Löninger Legionäre nach ihrer Spielstärke in die drei Mannschaften einzugliedern, was für die I. Mannschaft etwa heißt, daß sich hier gleich vier Stammspieler in die II. Mannschaft zurückstufen lassen müssen und dort natürlich andere Spieler in die neue III. Mannschaft abdrängen. Einer, der solches sichtbar übel nimmt, ist Johannes Landfried. Bis zum Auftreten der Löninger hat er am 4. Brett der Ersten gespielt und findet sich für die Saison 1973/74 von Spielleiter Neumann plötzlich in die Zweite verwiesen - weshalb er die Mannschaft boykottiert.
So ist es reichlich viel an Unmut und offener Frage - zum Beispiel in Sachen einer eigenen Meppener Jugendarbeit mögen auch deshalb die Wogen so bitter hochschlagen, weil Neumann mit seinem Vorhaben nicht etwa gescheitert, sondern strahlend erfolgreich gewesen ist. Gar nicht auszudenken, was er mit dieser Bestätigung im Rücken noch an der Vereinsstruktur verändern könnte. Es liefe, recht betrachtet, auf das Ende des Schachklubs Meppen hinaus.

Der Rede Totzkes also folgt heillose Verwirrung, aus der die Feder von Bru-der Basilius nur noch Bruchstücke erhascht hat. Zwischendrein scheint jemand Otto Lütke als Alternative in Vorschlag gebracht zu haben, der jedoch ablehnt, so daß es bei Totzke als einzigem Kandidaten bleibt. Und noch seltsamer wirkt der Rest: denn da ist in der Mitschrift mit einem Mal doch von der Wahl des Zeiten Vorsitzenden die Rede, die vom Kandidaten angenommen wird. Mag sein, Ernst Totzke hatte denn doch ein Einsehen und die Versammlung Nachsicht oder beide Seiten ein tiefes Erschrecken davor, es auf die Spitze zu treiben. Wie auch immer, dies Einlenken löst letztlich gar nichts und läßt die Versammlung betroffen und betäubt zurück.
Lustlos von hier an und wie erschöpft plätschert die Tagesordnung weiter, matte Einstimmigkeit bestätigt Spielleiter Heinz Neumann, Kassenwart Alfred Rosen und Schriftführer Bruder Basilius in ihren Ämtern. Ein wenig Hin und Her ergibt sich noch zu den neu eingerichteten Posten - erstmals soll es einen Jugendwart und einen Jugendsprecher geben -, doch ist auch diese Arbeit bald abgetan und macht dem letzten Diskussionspunkt Platz, der Aufstellung der Mannschaften für die kommende Saison. Hier nun werden dem Totzke-Flügel goldene Brücken gebaut - nicht nur, daß niemand mehr das Wort Spielgemeinschaft in den Mund nimmt; der Löninger Studienrat Ihorst nicht Vorstandsmitglied in Meppen, sondern nur Verbindungsmann zum Nachbarverein werden soll; es für die Gastspieler keinen Fahrtkostenzuschuß aus der Vereinskasse geben wird - nein, es wird die Anzahl der Löninger auch auf die limitiert, die in der I. Mannschaft mittun, die anderen werden wohl wieder austreten müssen.
Kann sich einer, der die ganze Löningerei scheel beäugt, mehr an Entgegenkommen wünschen? Ginge es nach reiner Vernunft, ginge es nur um Löningen - wohl nicht. Um anderes geht es jedoch und um mehr, und das wird jetzt, in letzter Minute, von Alfred Rosen losgetreten. Wie nämlich der gerade doch erst wiedergewählte Kassenwart entdeckt, daß er auch weiterhin nur in der III. Mannschaft spielen darf, erklärt er zornentbrannt seinen Austritt und öffnet damit alle Schleusen.

Was weiter sich zugetragen hat an diesem Augustabend, ob man in enttäuschtem Schweigen auseinanderging oder in hitzige Wortgefechte sich verstrickte, wir wissen es nicht, denn die Mitschrift bricht an dieser Stelle ab. Auch wird für immer im Dunkel bleiben, was die nächsten Tage gefüllt hat. Sind es Versöhnungsversuche gewesen, dann waren sie vergeblich. Nicht mehr zur Rückkehr in den Verein hat Alfred Rosen sich bewegen lassen, Johannes Landfried in dürren Worten seinen Austritt erklärt, dem sich bald auch der von Ernst Totzke angeschlossen hat. Zurück blieb ein fast halbierter Vorstand, der sich den folgenden Samstag zu einer Notsitzung zusammenfand, um zu retten, was zu retten war - den Verein. Nach Feststellung der Handlungsfähigkeit geht man zur Normalität über, berät sich über dies und jenes, treu hat auch hier Bruder Basilius allen mitnotiert. Mitten auf dieser einzigen Seite der Mitschrift aber läßt er einen Satz unvollendet: „Vorwürfe gegen Neumann wegen - ”.
Vorwürfe gegen Neumann wegen - was? Dem Verfall des Schachklubs Meppen, ihres eigenen Vereins, hatten sie über Jahre hinweg nur zugeschaut und waren von Herzen froh gewesen, daß einer sich fand, der ihn mit Engagement und neuen Ideen am Leben erhielt. Mit der Schachgruppe Haselünne hatte er es ihnen im Alleingang vorexerziert, wie sich ein Klub retten läßt, indem man ihn auf breitere Basis gründet und öffnet für etwas Neues. Der Verantwortung quitt und ledig zu sein, drückten sie ihm endlich den ganzen Spielbetrieb in die Hand und klopften ihm auf die Schulter: Heinz macht das schon. Und nun wollten sie die Konsequenzen nicht wahrhaben und fingen an, alles zu bemählen und zu klagen, wenn er das Szepter allzu innovativ und eigenmächtig über ihnen schwang. Unfruchtbare Kritik - doppelt unfruchtbar, wenn ihr Mittel wurde, sich stickum oder lauthals polternd aus dem Verein zu verdrücken, sobald zuviel wurde, was alles ihnen nicht paßte. Erfreut war man, als nach Bobby Fishers Sieg in Reykjavik Schach in aller Munde kam und sprunghaft die Zahl der Eintritte stieg, und unlustig zur gleichen Zeit, wenn in dem Gewusel der fremden und jungen Gesichter die alte Heimeligkeit des Honoratioren-Vereins abhanden ging. Neue und starke Spieler zu werben, das war natürlich richtig und man wollte es wohl, nur waren diese Neulinge jetzt von ganz anderem Schlag und überfielen einen mit Eröffnungsvarianten und allerlei Theorie, daß einem Hören und Sehen und aller Spaß verging und man kein Bein mehr auf den Boden bekam. Und wie beifällig auch Zustimmung genickt wurde, wenn die Rede auf die Notwendigkeit eines gezielten Trainings kam, so machte sich doch Befremden breit, fand man bei Betreten des Klubraums des Demonstrationsbrett aufgestellt und sich selbst um das gemächliche Vergnügen gebracht, seine zwei oder drei lockeren Partien zu absolvieren.
Es lagen die Dinge überquer, in diesem kleinen Zirkel. Die große Welt da draußen aber ertappten alten Herren wie Ernst Totzke dabei, gerade eine ganz andere werden zu wollen. Neuerdings schwor der Zeitgeist auf die unbedingte Machbarkeit der Dinge, entrümpelte überall die verschlafenen Winkel und setzte an ihre Stelle klare Struktur und Dynamik. Weg mit dem Alten, her mit dem Neuen, das um soviel besser sein würde - das war die Botschaft, die die Alten Herren mit Mißvergnügen vernahmen und der ein Heinz Neumann folgte: die Tage der Idylle waren gezählt, und wenn sich ganze Städte wie Wetzlar und Gießen, hunderte von Jahren gewachsen eine jede, einfach per Federstrich zusammenlegen ließen, warum sollte dies nicht auch das Modell für zwei Schachvereine in der Provinz abgeben? Heinz Neumann war auf der Höhe seiner Zeit, ihr manchesmal sogar weit voraus; als Fußballvereins-Präsidenten noch mühsam das Wort Legionär zu buchstabieren lernten, hatte er bereits holländische Gastspieler in das Team geholt und das Meppener Schach international gemacht.
Der Schachklub Meppen schuldet Heinz Neumann viel; ohne seine Energie hätte der Verein damals seine Existenzkrise kaum überstanden und wäre von der Bildfläche verschwunden; und in der intensiven Vereinsarbeit an unterschiedlichen und doch eng miteinander verknüpften Standorten wirken seine Ideen bis heute fort.

Und doch mag, wer Rückblick auf jenen August 1974 nimmt, nachdenklich werden und - wer weiß? - etwas empfinden wie Trauer. Dann dort und damals ist doch ein Verein untergegangen - jener frühe Schachklub Meppen, von dem unsere Chronik bis hierhin gehandelt hat und der kaum mehr hinterließ als die Hülle seines Namens. Wohl wahr, daß sich sein Ende schon Jahre zuvor abzuzeichnen begann und sich noch einige weitere Jahre hingezogen hat. Totzkes streitbarer Auftritt während der Generalversammlung und sein Scheitern aber sind der eigentliche Wendepunkt gewesen. Er immerhin war zu kämpfen bereit, und ihn mag dabei die Überzeugung bewegt haben, daß mit dem Verschwinden derer, für die er sprach, dem Verein ein Stück seiner Kontinuität und Geschichte auf immer verloren gehen würde. Es war doch ihr Klub und der Klub sie selbst gewesen, mit ihm waren sie verwachsen und fühlten sich nun beiseite gedrängt, eine mit jedem Austritt kleiner werdende Minorität, die ihre Heimat verlor und das doch auch zum Schaden des Vereins. Wer würde denn noch erzählen können von Ender und Kuschke, wer durch sein Erinnern einen Johannes Schmidt dem Vergessen entreißen? Wer von all dem noch wissen wollen, wenn der Klub sich ganz und gar auflöste in der Anonymität des Großvereins, mit Gastspielern aus allen vier Himmelsrichtungen - mit Fremden, die Fremde bleiben würden? Ernst Totzke repräsentierte das Vergangene, die Tradition, die Überlieferung - nicht den schlechtesten Teil dessen, was sich als Identität bezeichnen läßt. Und umgekehrt war der Verein für ihn ein Stück der eigenen Identität, ein Ort der Gewißheit und Kontinuität in einer Zeit, die nicht mehr gelten lassen wollte, was immer sich aus dem Gestern begründete. Seine Bitternis und unversöhnliche Haltung mögen hier ihre Wurzeln gehabt haben.
Als ein letztes Aufbäumen in zwölfter Stunde war Ernst Totzkes Versuch, seinen Verein zu bewahren, ein vergebliches Unterfangen, und gerade sein Austritt hat das besiegelt, was abzuwenden er doch entschlossen gewesen war: auf ein Kleines, und der Klub der 60er Jahre lag tot und begraben. Die Lütke und Düsenborg hielten sich von nun an ganz fern - kaum daß es aufgefallen wäre, denn wer war noch geblieben, sie zu vermissen? Eine Handvoll vielleicht, die es bald auch nicht mehr hielt. Lothar Knop hörte auf, schon 1975; dann ging Karl-Heinz Klose; wenig später auch Leo Hiemann: weiß Gott noch keine Schach-Rentner, wären alle drei noch zehn Jahre später in der Lage gewesen, in jeder I. Mannschaft des Schachklubs Meppen mitzuhalten. Alle, alle sind sie verschwunden, ließen den Verein hinter sich zurück und Heinz Neumann und Friedrich Guba, die fortan die einzige Verbindung mit dem ruhmvollen ersten Jahrzehnt unseres Vereins waren. Als Vorsitzender hat Leo Hiemann, gegen alle Wünsche der Löninger, das Zentrum der Spielgemeinschaft weiter Richtung Osten zu verlegen, an Meppen als Standort des Vereins festgehalten. Nach vier Jahren gab er sein Amt ab und ließ Heinz Neumann ans Ruder, so geschehen am 22. Juli 1978 - zwölf Tage, bevor ich in den dabei in Schachklub Meppen-Haselünne umgetauften Verein eingetreten bin und es dem Neuling erschien, als wäre jedes Vereinsmitglied seit Ewigkeiten schon dabei.
In späteren Jahren - da durfte ich schon mit Friedrich Guba zusammen in der I. Mannschaft spielen - streifte die Unterhaltung gelegentlich das Anekdotenhafte. Vom Münsterland und einer Verbandsklasse und von erfolgreicheren Schachtagen ging die Rede, wie von ungefähr fielen Namen wie Hiemann und Knop und Klose, und für Augenblicke tat sich das Tor zu einer rätselhaften Vergangenheit auf. Geisterhafte Gestalten - hatte es sie je wirklich gegeben?

Viele weitere Jahre später und inzwischen auf der Suche nach Zeugen und Zeugnissen für diese Chronik, habe ich auch Lothar Knop kennengelernt. Dem Namen nach Mitglieder ein und desselben Vereins, sprachen wir über die zwei Vereine - den heutigen und den, in dem er einmal zu Hause gewesen war. Nun, in jenen Jahren sei anderes für ihn wichtig geworden, da habe er das Schach sein gelassen und übrigens seit damals keine ernsthafte Partie mehr gespielt, könne sich auch nicht vorstellen, heute noch einmal anzufangen.
Aber zum Einschlafen vertieft sich Lothar Knop noch heute in Stellungsdiagramme, die er in seinen alten Büchern und Schachzeitschriften findet. Und es ist, als lebten in ihm die Tage des Alten Schachklubs Meppen fort.