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Haselünne oder: Das neue Modell (1969 – 197o)
Die Wiederbelebung des Schachklubs Meppen Ende der 6oer Jahre geschah aus unerwarteter Ecke, aus Haselünne. Und da durch sie nicht nur Altes aufgefrischt, sondern auch völlig Neues geschaffen worden ist, müssen wir zum Verständnis ein wenig ausholen.
Heute ist es selbstverständlich, daß man – zumal als Jugendlicher – einem Verein beitritt, um dort wie Handball und Tennis und Rudern so auch das Schachspiel zu erlernen. Das ist bis vor dreißig oder vierzig Jahren durchaus anders gewesen. Schach wird damals nicht gelehrt oder trainiert, auch nicht (oder doch nur in Ausnahmefällen) in einem Verein. Man schaut dem Spiel irgendwann einmal zu oder findet es in der Spielesammlung und bekommt sodann von Vater oder Bruder die Gangart der Steine gezeigt, bei mir war es der Großvater. Das mit Läufern und Türmen, das ist leicht und begreift sich schnell. Schwieriger ist schon, wieso denn die Bauern vorwärts marschieren und schräg schlagen, und ganz und gar sonderlich nehmen sich die Springerzüge aus. Vor allem indes sträubt sich der kindliche Sachverstand dagegen, daß der König eine solche Flasche sei. Mit rechten Dingen geht das nicht zu. So wird dann gespielt, dreimal am Tag oder einmal im Monat, wenn man gerade die Zeit nicht besser verbringen kann oder zufällig jemand da ist, der das Spiel auch beherrscht. Das blanke Matt vor Augen, werden die Figuren zu raschem Ende vorangeschoben, besonderer Beliebtheit erfreut sich der Schäferzug, der als totsicher gilt. Dumm nur, wenn der Gegner gemeinerweise einen anderen als den für diese Patentkombination vorgeschriebenen Zug tut, gleich ist das Latein am Ende und man hockt verzweifelt vor dem wirren Haufen der Figuren. Ist die Partie dann verlorengegangen und der Fehler gar zu offensichtlich gewesen, nimmt man sich feste vor, ihn in Zu-kunft zu vermeiden – und macht dafür die nächste Partie zwanzig andere, es geht in eins. Denn der Gegner sieht meist auch nicht mehr und wenn, dann nur aus Zufall. Eine arge Stümperei. Wen der Ehrgeiz am Wickel hat oder der Weg zufällig ans Buchregal führt, der entdeckt seine erste Schachlektüre (in der Regel findet sich eine), die ist von Tarrasch oder so und ein verstaubter Schmöker. Damit kommt Ordnung in das Ganze – aha, es macht also einen Riesenunterschied, ob der e-Bauer oder einer seiner Kollegen die Partie eröffnet? Und es gibt die Leichtfiguren, die zunächst zu entwickeln sind, und ein Zentrum, das zu besetzen wäre? Da sieh mal einer an. Und findet sich gerade kein Gegner, dann vergnügt man sich mit einer Blitz-und-Donner-Partie aus dem 19. Jahrhundert und fühlt sich – Anderssen! Morphy! – wie König. Für neun von zehn Infizierten hat es damit sein Bewenden. Der eine jedoch wird zum Jünger Caissas, den packt in alle Zeit die Leidenschaft. Fortan wird Hinz und Kunz morgens mittags abends bedrängelt, doch bitte anzutreten, und alsgleich in Grund und Boden gehauen. Andere Literatur muß her und weitere Partien, ebenso den Meistern der Gegenwart über die Schulter zu schauen. Viel allerdings findet der künftige Schachweltmeister damals nicht vor. Nicht nur, daß in den 6oer Jahren Internet und Datenbank reinste Zukunftsvision sind; sondern auch ermangelt es der Schachzeitschriften, und selbst Bücher sind rar, drei Dutzend Fachtitel vielleicht. Wer da auf der Höhe der Zeit sein möchte, der hat es schwer. In gelegentlichen Ausnahmefällen, so das Schicksal der westlichen Welt auf den Schultern Bobby Fishers ruht, getraut sich das Ortsblatt, sein Publikum mit einer Partienotation zu behelligen. Auch findet sich in Zeitungen auf der Rätselseite einmal die Woche das eine oder andere, das ausgeschnitten und sorgsam verwahrt werden will. Wer weiß, wozu es noch nutze ist.
Immer noch lose gestaltet ist die Welt des Schachs zur Mitte unseres Jahrhunderts, und der Schachamateur bewegt sich in ihr ein wenig so, wie die Meister längst vergangener Tage in ihrer Welt. Auch Anderssen und Steinitz haben ja vergleichsweise wenig vorgefunden an Wissen um Eröffnung und Strategie, Alchimisten gleich kochten beide und ein jeder ihrer Zeitgenossen ihre eigenen Systeme und Winkelzüge aus, stets auf der Suche nach Gegnern, an ihnen ihre Strategeme und ihr Können zu erproben. Schach war vor einhundert Jahren noch ein weiter Ozean ungeahnter Möglichkeiten und deshalb eine Form von Kunst, der Spieler ein Künstler und Interpret – eine Diva, mit unverwechselbaren Macken und Lieblingszügen und der persönlichen Note. Der „Letzte Ritter des Königsgambit“ war Rudolf Spielmann, und er galt seine Kollegen als Primadonna, die an einem Tag glänzend aufgelegt und den nächsten nicht recht bei Stimme sein konnte. Frank Marshall aber plazierte den von ihm begründeten Schachklub mitten hinein in das New Yorker Künstlerviertel und befand kurz und bündig, das Talent zum Schachspiel sei wie Begabung zur Musik - : Man hat es, oder man hat es nicht. Diesen Idolen weitaus verwandter als den heute das Feld regierenden und mit Varianten hochgerüsteten Profis, in allen Bereichen des Spiels umfassend trainiert, ist der Schachamateur anno 196o. Er tritt in den Verein ein, um sich und sein Eigenes an Gleichgesinnten zu messen. Keine Rede von ernsthaftem Training; vielmehr wird der Auffassung gehuldigt, daß das Spielen selbst Training genug sei. Die ersten fünf oder sechs Züge seiner Lieblingsvariante beherrscht er, kennt sich auch bei anderen so ungefähr aus. Ist das nach drei Minuten heruntergespult, schaut man, wie es weitergeht, nach Vorliebe und Gefühl wie auch (aber durchaus nicht immer) mit den von Tarrasch eingebimsten Universalregeln im Hinterkopf. Nach einer Weile tut sich ein konkretes Ziel auf, nun gilt es zu zeigen, was man draufhat. Reicht das nicht, so hat der Gegner einfach Glück gehabt oder einen dummen Fehler ausgenutzt, was zwar ärgerlich aber kein Beinbruch ist: Nächste Woche trifft man sich wieder, mag sein, mit mehr Fortune. Zeigt der andere dagegen, daß er schlicht der bessere Mann ist, nun ja, dann ist das wohl so. Weil er solcher Auffassung nicht frönt, ist im Schachklub Meppen dieser bessere Mann zumeist Friedrich Guba. Er sei, so entsinnt sich der Rivale Lothar Knop, im Verein der einzige gewesen, der das Spiel als Wissenschaft betrieben habe – was für die 6oer Jahre sicher richtig ist, nicht jedoch für die Zeiten danach. Und dies liegt an Heinz Neumann.
Während der Verein sich seiner Krise hingibt und der neue Spielleiter, Ernst Totzke, die mühvolle Aufgabe übernimmt, ihn wieder auf Kurs zu bringen, ruft Heinz Neumann in Haselünne eine neue Schachgruppe ins Leben. Sei es, daß er mit diesem Gedanken schon länger umgegangen ist (denn er ist das einzig namhafte Mitglied aus diesem Ort), sei es, daß das Auseinanderbröckeln in Meppen dazu die Veranlassung gibt – jedenfalls trifft sich Ende März 1969 in der Gaststätte Esders die Gruppe zum allerersten Stelldichein, knapp ein Dutzend Interessenten mögen es sein. An die Gründung eines Vereins ist keineswegs gedacht, vielmehr an eine Mitgliederwerbung im Interesse des Meppener Hauptquartiers. Nun – an etwas mehr denn doch. Erscheinen nämlich zu diesem ersten Treffen vor allem Männer, die des Spiels schon kundig sind, so richtet sich die Werbeaktion – über dreißig persönliche Einladungen hat Heinz Neumann verschickt – ebenso an Neulinge und besonders die Jugend. Zu Nutz und Frommen dieser Novizen steht ein gewaltiges Demonstrationsbrett im Raum und Lehrmaterial in Form von Schachliteratur wie hektographierten Unterlagen zur Verfügung. Anders als bis dato üblich, soll der Vereinsabend dem gezielten Training, einzelner Eröffnungen etwa und besonderer Stellungsbilder, dienen. Nicht minder wichtig erscheint eine zweite Neuerung: Statt der ewig sich hinziehenden Meisterschaftsrunde à la Meppen werden nun straff organisierte Ranglistenturniere unter dem Titel einer Stadtmeisterschaft ausgetragen und dazu die Teilnehmer je nach ihrer Spielstärke auf eine A- und eine B-Gruppe verteilt. Der Sieger der unteren Gruppe steigt auf. Das erste dieser Turniere findet 1969/7o statt, und erster Haselünner Stadtmeister wird der Flechumer Heinrich Wolken. Die Schlußphase dieser Veranstaltung nutzt – wie weiland Alfred Binding – Heinz Neumann, in der Öffentlichkeit mit einer kleinen Serie von Presseartikeln auf weiteren Mitgliederfang zu gehen wie die Austragung der nächsten Stadtmeisterschaft anzukündigen. Ein florierendes Unternehmen, diese Schachgruppe Haselünne, und nicht ungeeignet, dem Schachklub Meppen aus der Misere zu helfen. Ernst Totzke kann es sich da nicht versagen, einmal vorbeizuschauen. Neue Mitglieder gibt’s obendrein, neben Wolken und einigen anderen findet über diese erste Stadtmeisterschaft auch Bruder Basilius Fritsch vom Missionshaus Haselünne zum Meppener Verein – ein Glücksfall. Denn dieser Bruder Basilius ist dort in den folgenden Jahren als Kassen- und Schriftführer ganz und gar unverzichtbar geworden und hat, dies ab 1976, im Geist der Neuerungen Heinz Neumanns das Jugendschach in Haselünne aufgebaut, aus dem dann ein Reinhard Felthaus und viele Talente mehr hervorgegangen sind.
Nicht nur in Meppen – aber eben auch dort – wandelt sich vor dreißig Jahren das Bild vom Schachverein. Die Tage des traditionellen Honoratiorenvereins sind gezählt. Orte waren sie gewesen, wo sich die Liebhaber dieses Spiels zu Wettstreit und behaglichem Zeitvertreib treffen konnten, und hat es ihnen gewiß auch an gesundem Ehrgeiz nicht gefehlt, es etwa in den Mannschaftskämpfen mit dem Verein weit zu bringen, so stand diese Idee bei der Mehrheit doch nicht im Vordergrund. Schach war Spiel; es zur Arbeit – Jugendarbeit! – ausarten zu lassen in echten Trainingsrunden, dazu waren die Alten Herren in der Regel wenig lustig. Das änderte sich jetzt, und genau zum rechten Augenblick. Denn kaum gewinnt mit Bobby Fisher der erste Vertreter der westlichen Welt 1972 den Titel eines Weltmeisters, setzt ein wahrer Stum auf die Schachvereine ein. Schach wird populär, und das neue Bedürfnis ist, es in einem Klub zu erlernen. Für Heinz Neumann aber wird die erfolgreiche Arbeit in Haselünne zum Sprungbrett in Meppen. Bereits 1971 löst er den weniger glücklichen Ernst Totzke ab und wird Vereinsspielleiter (was er mit kurzer Unterbrechung bis 1988 geblieben ist), die von ihm erprobten neuen Strukturen ziehen mit um. Nach Meppen und Herzlake jetzt auch Haselünne ein fester Standort des Meppener Schachs, das ist schon eine beeindruckende Kette. Womöglich das Ende der Fahnenstange nicht? Im Nachbarbezirk, so geht die Kunde, sollen die Dinge im Argen liegen und die Löninger mit der Lage sehr unzufrieden sein. Löningen – ließe sich da nicht vielleicht etwas machen?
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