Die Mannschaft (1963-1973)

Sehr menschlich ist es, in der Öffentlichkeit eigene Erfolge herauszustreichen, die Mißerfolge dagegen mit dem Mantel der Verschwiegenheit zu bedecken. So hat unsere Chronik das Glück, daß der letzte Spieltag der Saison 1960/61 der Meppener Mannschaft einen unerwarteten Sieg beschert. Ob der Zeitungsartikel vom Mai 1961, der von diesem Erfolg kündet und einen Rückblick auf die abgelaufene Spielzeit gibt, der einzige ist, der zu den Mannschaftskämpfen dieses Jahres veröffentlicht wurde, weiß ich nicht; in jedem Fall ist er der einzige, den Alfred Immisch des Aufhebens für wert erachtet hat. An Erfolge erinnert man sich gern.
Insgesamt ist dem Schachklub Meppen der erste Auftritt in der Bezirksklasse gelungen. Bäume hat man keine ausgerissen, zu Buche stehen Niederlagen gegen die SF Nordhorn II, Lingen und - was keine Empfehlung ist - kampflos gegen Blanke I. Siege dagegen sind zu verzeichnen gegen Uelsen, Blanke II und, eben in der Schlußrunde, in Bentheim. Zu diesem Kampf nennt Immisch´ Artikel auch die Brettergebnisse, so daß wir uns in etwa über die Aufstellung der Mannschaft orientieren können. Stetzko, Koepke, Lütke, Schaaf und Kuschke werden in dieser Reihenfolge mit jeweils einem Sieg erwähnt, Knop hält Remis, Niederlagen gibt es für den neuen Vorsitzenden v. Hunnius und Oppermann - für gleiche Ergebnisse ließe sich daraus auf die Rangfolge schließen. In anderen Treffen mögen auch Singer, Immisch und Riemann aufgestellt gewesen sein. Allerdings geht die Mär, die Meppener hätten in den ersten Runden immer nur mit vier Spielern antreten und deshalb nicht gewinnen können, der Erfolg sei so erst mit dem Auftritt von Otto Lütke gekommen.
Soweit, so gut - und doch nicht genug. Daß der errungene Mittelplatz nicht reicht, um in der folgenden Saison in der neuen Bezirksklasse „A“ mittun zu dürfen, das wissen wir bereits - wobei „wissen“ ein gewagter Begriff ist. Denn über diese Spielzeit gibt wieder einmal nur ein einziger erhaltener Artikel Auskunft, der sich in Gubas Partiensammlung gefunden hat. In ihm werden, offensichtlich zu Beginn einer nicht benannten Saison, mit Borghorst II, Emsdetten II, der SG Rheine III und der Mannschaft des neugegründeten Vereins Neuenkirchen die Gegner des Meppener Schachklubs in der Bezirksklasse „B“ namhaft gemacht. Der Artikel ist undatiert; da zuvor nur von den Gruppen „Nord“ und „Süd“ die Rede ist, Meppen ab 1962 aber nachweislich in der Bezirksklasse „A“ gespielt hat, kann sich diese Zeitungsnotiz wohl nur auf die Saison 1961/62 beziehen und dokumentiert damit ganz nebenbei den allerersten Aufstieg in der Vereinsgeschichte. Über die Mannschaft, die sich den Weg in die „A“-Klasse erspielt hat, wissen wir diesmal nichts, dürfen aber vermuten, daß sie im Großenganzen jener der Vorsaison geähnelt hat, mit einer Ausnahme: Stetzko ist ja nach seiner Versetzung nicht mehr dabei, sein Platz am Spitzenbrett könnte von Lothar Knop eingenommen worden sein.
In dieser Art - braves Mitspielen in der Bezirksklasse „A“, gelegentlich mal ein Abstieg mit nachfolgendem Wiederaufstieg - hätte es mit dem Schachklub Meppen weitergehen können. Es kam jedoch anders.Vor mir auf dem Schreibtisch liegt, von altmodischem Aussehen und etwas abgegriffen, ein Notizbuch. Schwarz ist es, und wer es öffnet, dem blättern sich trocken raschelnde Seiten entgegen. Oben ist vor langer Zeit Feuchtigkeit eingezogen und hat braune Flecken und Ränder hinterlassen. Das ist das Turnierbuch des Vereinsspielleiters Lothar Knop, und es erzählt in Mannschaftsaufstellungen und Brettergebnissen die Geschichte einer Mannschaft - nicht einer beliebigen, sonder der Mannschaft. 1962 gibt es sie noch nicht. Ein kleines Jahr später ist sie da und macht sich auf, den Schachbezirk Rheine das Fürchten zu lehren. Wenn ihr das in den folgenden Jahren tatsächlich gelingt, dann deshalb, weil dies keine Meppener Mannschaft mehr ist, sondern sich in ihr das Beste zusammenfindet, was der gesamte Altkreis in Sachen Schach zu bieten hat. Und deshalb, weil es dennoch sehr wohl eine Meppener Mannschaft ist, deren Spieler - woher sie auch stammen mögen - sich diesem Verein und diesem Team zugehörig fühlen.
Am ersten Brett, wie könnte es anders sein, Friedrich Guba aus Emmeln. Ende der 60er Jahre erreicht er den Zenit seines Könnens und hat im Münsterland niemanden zu fürchten. Gegen die Spitzenspieler der Verbandsklasse erringt er da einmal in einer Saison 5 aus 6 möglichen Punkten, und das, nachdem man gerade erst aufgestiegen war. Fast noch imponierender Lothar Knop aus Meppen, der - wie er sich erinnert, vor Anspannung so manchesmal schweißgebadet - keine Partie und keinen halben Punkt verloren gibt. Für die neun Jahre, aus denen die Einzelergebnisse der Mannschaft überliefert sind, kommt man beim Nachzählen auf gerade einmal vier Niederlagen. In den ersten Jahren ist Knops Platz an Brett 4, danach spielt er direkt hinter Guba. Zwischen den Brettern 3 und 4 pendelt Karl-Heinz Klose aus Herzlake. Mehr als sein eigenes Abschneiden zählt für ihn der Erfolg der Mannschaft, der sein Firmenbulli für Auswärtsspiele und er selbst als Mäzen zur Verfügung steht - natürlich nur im Fall eines Sieges. Einmal, so erinnert sich Guba, habe er als letzter Spieler am Brett gesessen, indes Klose das bereits siegreiche Team in die benachbarte Schaschlik-Bude ausgeführt habe. Da habe er selbst dann in Gewinnstellung schleunigst Remis gegeben, um auch sein Teil abzubekommen. Glückliche Zeiten.
Was Friedrich Guba für die obere Hälfte, ist Leonhard Hiemann für die untere. Auch er kommt aus Herzlake, sein angestammter Platz ist das fünfte Brett. Wohl könnte er noch höher spielen, gäbe es da nicht seine unbezähmbare Leidenschaft für das flotte Spiel, weshalb er - „Leooo?“ „Ja, was wollt ihr denn schon wieder? Na, weiß schon...“ - vor jedem Punktspiel dazu verdonnert wird, buchstäblich auf seinen Händen zu sitzen, die sonst über dem Brett zuckend nach Kombinationen haschen würden. Hiemann im übrigen hält den inoffiziellen Vereinsrekord im Dauerblitzen - legendäre 48 Stunden am Stück, unterbrochen nur von den kurzen Gängen zur Toilette (die ganze Story muß man sich von ihm selbst erzählen lassen). An Brett 6 oder 7 folgt mit Heinz Neumann ein Haselünner, ein mannschaftsdienlicher und zäher Spieler - ihn näher vorzustellen ist später am Platz. Den Abschluß hier an den unteren Brettern bildet, wegen seines Alters und Amtes ein wenig außen vor, der Vereinsvorsitzende Rolf v. Hunnius. Der muß zwar häufiger Niederlagen einstecken, wartet dafür an guten Tagen jedoch mit glänzenden Opferkombinationen auf. Das also sind die sechs Spieler, die für 10 Jahre, von 1963 bis 1973, den Kern einer erfolgreichen Mannschaft stellen. Der vierte Mann oben ist anfangs Alfred Binding, für anderthalb Jahre gefolgt von Abeck - beide jeweils am zweiten Brett. Dann rückt der ungekrönte Blitzkönig des Vereins, Friedrich Schwekendiek, auf, und ihn beerbt in den 70er Jahren Johannes Landfried an Brett 4. Unten kommen nacheinander Ernst Totzke und Günther Kotzschmar, längere Zeit auch der Mitbegründer des Vereins, Otto Lütke, und ab 1969 der Jugendliche Friedhelm Mundil zur Aufstellung - neben der großen Zahl der Ersatzspieler, unter denen sich bis 1966 immer mal wieder auch der inzwischen weit über 80jährige Nicolai Kuschke befindet. Auf geht´s!

In der Saison 1962/63, noch ohne Klose und Neumann, kann von Mitspielen um die Bezirksmeisterschaft noch nicht die Rede sein - in Gronau setzt es (gegen eine Truppe von Jugendspielern, wie peinlich!) eine böse Niederlage und eine bitterböse beim SC Rheine, wo man mit acht Mann antritt und mit null Punkten heimfährt. Mit Binding am zweiten und Abeck am siebten Brett ist die Mannschaft 1963/64 dann jedoch voll da und startet mit Kantersiegen über die Schachfreunde und Bentheim, verpaßt den Bezirkstitel jedoch durch eine denkbar knappe Niederlage gegen Gronau. Die nächste Saison, der nächste Anlauf - und wieder um Haaresbreite gescheitert: ohne Binding muß man 1964/65 den Nordwaldern den Vortritt lassen. Dann aber, inzwischen durch Schwekendiek verstärkt, wird 1965/66 gegen SF Nordhorn II, Blanke, Bentheim, Lingen, Emsdetten II und Borghorst der lang schon verdiente Titel und damit der Aufstieg in die Verbandsklasse Münsterland-Ost erkämpft.
Und noch ein Ereignis fällt in diese erfolgreiche Spielzeit, es ist die Aufstellung einer II. Mannschaft.Pharaos Haus, wer da in ihm wem nachfolgte und welchen Baumeister beauftragte, diese oder jene Pyramide gegen das Vergessen zu errichten - das ist bekannt. Unbekannt das Schicksal der Hunderttausende, die die Quader schlugen und aufeinander türmten, für ihre Lebenswege von Geburt bis Tod bleibt nur der summarische Blick. Und nicht anders, wenn auch in günstigerem Zahlenverhältnis, steht es um die Geschichte fast aller Meppener Reservespieler. Wer nicht sich hervortut durch glänzende Leistungen am Brett, durch verdienstvolles Wirken als Kassierer oder Spielleiter, der mag in der Zeit verlorengehen. Ein Gesicht haben noch die Oppermann und Kuschke und Koepke, die schon von Anfang an dabei waren und ihren Platz in der I. Mannschaft den Neuen und Stärkeren überließen. Man erkennt sie wieder, auf den alten Photographien - ach ja, ist das nicht der -?
Die jedoch, die später hinzukamen - stellvertretend für sie alle: Johannes Schmidt, der Unbekannte Schachpieler. Über Bindings gleichtituliertes Turnier von 1963/64 ist er zum Verein gestoßen - fast schon zu symbolträchtig. Im Februar 1964 tritt er ein, das Kassenbuch hat es festgehalten. Sei es, daß er kein rechtes Zutrauen zu seinen Fähigkeiten hat, sei es, daß er sich nur als Hobby-Spieler versteht: ein Paß wird für ihn erst 1965 beantragt, Brett 13 in der II. Mannschaft. Im nächsten Jahr spielt er zwei Plätze höher, dann wieder tiefer, so geht es bis zur Saison 1969/70. Da Lothar Knop in seinem Turnierbuch auch einige wenige Ergebnisse der Reservemannschaft festgehalten hat, so wissen wir noch etwas mehr, beispielsweise, daß sich Schmidt im Dezember 1965 gegen Läken vom Schachverein Lingen wacker schlägt und nach langem Ringen ein Remis erzielt. Auch nimmt er an den Klubturnieren teil, Gubas Ergebnistabellen zeigen ihn für 1965 und 1966 jeweils auf dem zehnten Rang unter 16 Teilnehmer, wobei er Oppermann und Kuschke und v. Hunnius schlägt. Einmal knöpft er sogar dem großen Leo Hiemann ein Remis ab - ein stolzer Moment! Über all die Jahre hinweg zahlt er pünktlich seine anderthalb Mark Monatsbeitrag, bis sein Name dann in der Beitragsliste von 1973 fehlt. Auf seinem Paß hat viel später jemand hinter seinen Namen ein Kreuz gesetzt - verstorben - und dahinter noch ein Fragezeichen gemalt. So ins Vage hinein verliert sich die Spur von Johannes Schmidt, Schachspieler im zweiten Glied. Kein Geburtstag und kein Sterbedatum, keine Photographie und keine Anekdote erinnern an ihn.

Von Dauer geblieben ist die Aufstellung der II. Mannschaft selbst, als Betätigungsfeld der älteren oder nicht so starken Spieler wie als Team, in dem junge Talente ihre ersten Erfahrungen mit Mannschaftskämpfen machen konnten. Für die Spanne, die uns hier beschäftigt - die Zeit im Verband Münsterland -, halten wir für 1972 den Aufstieg der II. Mannschaft in die Bezirksliga und für 1978 ihren Abstieg in die Bezirksoberklasse fest.i
In der Verbandklasse Münsterland-Ost trifft die I. Mannschaft nun auf viele bis dahin unbekannte Gegner aus dem Raum Osnabrück. Mag sein, man hat da zuviel Respekt - jedenfalls gerät die Saison 1966/67 zum Desaster, es hagelt Niederlagen, und nur ein mühvolles Unentschieden gegen Oesede verschafft den Meppenern den kläglichen Ehrenpunkt. Zu schwach also für die Verbandsklasse, im Bezirk jedoch eine Größe für sich, rehabilitiert sich das Team in der Saison 1967/68 eindrucksvoll für die erlittene Schmach. Gegen fünf ihrer sechs Gegner stehen Siege mit durchschnittlich mehr als 6 Brettpunkten zu Buche, knapp geht es nur bei der SG Rheine zu, und ohne Abgabe auch nur eines Mannschaftspunktes meldet sich Meppen in der Verbandsklasse zurück - diesmal fest entschlossen, zu bleiben.
Dieses festen Entschlusses bedarf es freilich auch sehr. Nicht nur, daß die Verbandsklasse auch ohne Osnabrücker Vereine (die offenbar aufgrund einer Neueinteilung zunächst fehlen) ein hartes Pflaster bleibt; sondern auch, weil im Verband nur acht Vereine spielen, von denen am Ende der Saison zwei absteigen müssen. So braucht es in dieser Saison 1968/67 schon einen glänzend aufgelegten Guba, sich auf einen sicheren fünften Platz zu spielen: die Siege gegen Emsdetten und Rulle, die Unentschieden gegen den Schachklub Münster III wie gegen die SF Nordhorn II verschaffen das notwendige Punktepolster. In der nächsten Saison, 1969/70, fängt es aber schon an, brenzlig zuzugehen. Vor den letzten zwei Runden sieht es so düster aus, daß der gerade ins Weserbergland versetzte und eigentlich schon ausgeschiedene Schwekendiek für das Spiel in Ibbenbüren noch einmal zu Hilfe gerufen werden muß. Schwekendiek kommt tatsächlich, den beim Umzug gebrochenen Fuß noch im Gips, und mit ihm gelingt ein deutlicher Sieg, der die Meppener um Haaresbreite rettet. Dann aber sind ein Schwekendiek und das notwendige Quentchen Glück nicht mehr zur Stelle. Die klaren Niederlagen der Saison 1970/71 gegen Osnabrück, Rheine und Südlohn, die könnte man verschmerzen; zum Verhängnis werden der Meppener Mannschaft zwei unglückliche 3.5:4.5-Niederlagen gegen Telgte und die Schachfreunde Nordhorn und zwei ebenso unglückliche Unentschieden gegen die zwei Mannschaften aus Münster, die in dieser Saison mitspielen. In jedem dieser Kämpfe nur ein halber Punkt mehr und - wer weiß?
So aber kehrt man in die Bezirksliga zurück, wird nach einem Jahr dort in die neue Bezirksoberliga befördert, der Faden aber ist gerissen. Man spielt nurmehr so mit, ohne Sorgen nach unten und ohne Ambitionen nach oben. Zehn Jahre nach ihrem ersten Auftreten sind die Helden müde geworden, hat sich die Kraft dieser Mannschaft erschöpft.

Weites Land. Flach und trostlos nach Westen hin und auch ein gutes Stück nach Süden, man muß hier geboren sein, um es zu lieben. Schnurgerade führen die Chausseen in die Unendlichkeit, begleitet von Gräben und Kiefernschonungen und der Monotonie der Telefonmasten, wie weiße Vögel hocken auf den Armen die Isolatoren aus Porzellan. Der Straßenbelag ist hell und abgefahren, dunklere Flecken zeigen an, wo nach frostigem Winter geflickt werden mußte. Im Hochsommer staut sich die Hitze auf dem Asphalt, geisterhaft verzerrt und halbiert schwimmt auf flimmerndem Band ein Wagen, so weit entfernt, daß es Stunden zu dauern scheint, ehe er vorbeirauscht. Abwechslung bieten Stadt und Kaff, durch die sich die Straße schlängelt, stets zwischen der Kirche und dem „Haus am Platz“ hindurch, denn Umgehungsstraßen und Fußgängerzonen sind Zukunftsmusik; Ampeln eine Rarität. Erst hinter Rheine wandelt sich das Bild, Hügel und Alleen nehmen zu, unvermutet schlägt die Straße Haken nach rechts und Haken nach links, im rechten Winkel um diesen Acker und jene Weide herum - die reichen Münsterländer Bauern bestachen die Landvermesser. Kommt man hier vom Wege ab, zumal bei Nacht, dann holpert der Wagen auf Blaubasalt durch ein Labyrinth und findet endlich zu jenem Wegweiser heim, den man bereits vor einer Stunde passiert hat.
Zeitig muß also aufbrechen, wer des Samstags pünktlich um vier in Lüdinghausen oder Bocholt am Brett zu sitzen hat. So besteigt man gleich nach dem Mittagessen sein Gefährt (wenn man denn eines besitzt), das ist von hoher Karosserie und hat noch Kotflügel, aus denen runde Scheinwerfer äugen. Viel Chrom hängt wie Lametta um den Lack herum, es blitzen Stoßstange und Zierleiste und Modellbezeichnung - sehr elegant. Drinnen läßt sich aufrecht mit Hut sitzen, über der Landstraße thront der Chauffeur und hält als Lenkrad einen schmalen Reif, der erinnert an die Löwennummer im Zirkus. Der Clou ist der an der Lenksäule angebrachte Schalthebel. Bei veralteten Typen wird wie ein Fähnchen der Fahrtrichtungsanzeiger ausgeklappt. So rollt man denn los, in der Regel bedächtig; denn zwar ist wenig Verkehr - kaum daß einem hier in der Provinz einmal fünf Autos hintereinanderweg entgegenkommen - , das Fahren aber noch ein rechtes Abenteuer. was da alles passieren kann! So etwas wie Gurte für die Sicherheit, darüber müßte man im Ernst einmal nachdenken. Selbst wenn jeder Raserei enge technische Grenzen gesetzt sind: das Standardvehikel der 60er Jahre ist immer noch der Käfer mit 28 oder 34 PS, Spitze 110 - bitte schön. Manchmal, ist Leo Hiemann am Steuer, rollt man auch nicht so bedächtig durchs Münsterland. Einmal flitzt er ganz unzulässig schnell an einem Blitzgerät vorbei, gottseidank in einem vom Roten Kreuz entliehenen Wagen, was Schlimmeres verhütet. Ein andermal rühmt Totzke sich bei Beginn der Ausfahrt seiner überlegenen Fahrkünste, nur um gleich hinter Meppen seinen Untersatz einige Male über die Bundesstraße kreiseln zu lassen und sich (zusamt dreier schreckensstarrer Beifahrer) auf der Gegenfahrbahn wiederzufinden - Glatteis.
Ja, es ist die schlechte Jahreszeit, zu der man unterwegs ist, und so heißt sie nicht umsonst. Die Anreise, bei verdämmerndem Tageslicht und im Dauerregen. Alles grau in grau, der Wagen ist voll Angespanntheit, jeder weiß, worum es wieder einmal geht. Dann das ewiglange Hocken vor dem Brett, im Qualm Dutzender Zigaretten oder in eisiger Zugluft. Die Partie, die sich nicht gewinnen lassen will oder in fünfter Stunde verpatzt wird, nachdem man sich doch wie ein Löwe seiner Haut gewehrt hat. Das Warten darauf, daß endlich ein Wagen voll ist. Die Heimfahrt, in Regen und Dunkelheit und Kälte - das mag angehen, hat man Erfolg gehabt. Dann reißen die, die gewonnen haben, die anderen mit ihrer Euphorie mit. Ist aber alles schlecht ausgegangen, und es geht immer häufiger schlecht aus, dann ist jeder in sich gekehrt und die Feuchtigkeit zieht in den Wagen und die Scheiben sind beschlagen und man fröstelt und die Füße sind kalt und die Gedanken trostlos. In stockender und dumpfer Einsilbigkeit will die Rückfahrt rein gar kein Ende nehmen. In Meppen ist man dann zwischen elf und zwölf Uhr nachts, tappt durch den Regen nach Hause, das Aktuelle Sport-Studio ist lang schon vorbei.
Wofür das alles? Ein vertanes Wochenende. Nächste Saison - nicht mehr.
Die Helden sind müde geworden.