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Im Schachverband Münsterland (1960-1979)
Einrichtungen, aus vergangenen Tagen auf eine neue Zeit überkommen und dort eigentlich nicht mehr am Platz, neigen gerne dazu, eine liebenswerte Kuriosität zu werden. Das ist nicht immer so - die Geschichte liefert manches Gegenbeispiel mit unheiterem Charakter - , hier aber gewiß. Im Verein Klubturniere auszutragen und sich mit Mannschaften der Region und von jenseits der Grenze freundschaftlich zu messen, das ist das eine. Ein anderes der rauhe Wettkampf des organisierten Schachs. So sehr die Gründerväter unseres Vereins auch Liebhaber des Spiels gewesen sein mögen, so amateurhaft, es bei geselligen und von Skatrunden gekrönten Vereinsabenden zu belassen, sind sie nicht. Nicht der Vorsitzende Eugen Stetzko, der schon vor dem Krieg in Hannover gespielt hat; und bestimmt nicht der mit blitzend-kampfeslustigem Blick allspielabendlich das Lokal stürmende Nicolai Kuschke. Wie dann allererste Kontakte geknüpft worden sind, daran freilich vermag sich heute niemand mehr so recht zu erinnern. Und da Unterlagen sich auch in diesem Fall nicht erhalten haben, so raten wir einfach das Naheliegende: daß nämlich jene Vergleichskämpfe gegen Lingen und Nordhorn, Frühjahr und Sommer 1960, Gelegenheit gaben, unverbindlich das Wie und Was und Wo zu erfragen. Und da nun werden die Meppener gewahr, daß man sich als Verein einer niedersächsischen Stadt keineswegs an den niedersächsischen Schachverband zu wenden habe, sondern an einem nordrhein-westfälischen, eben den Verband Münsterland. Wie solches angeht, das mag man fragen. Zur Erklärung ließe sich an jene Einrichtung aus vergangenen Tagen erinnern, indem nämlich, gute 300 Jahre her, das Gebiet des vordem Amtes Meppen zu einem Länderkomplex gehört hat, der von Münster aus, vom dortigen Bischof regiert wurde. Der damals war ein souveräner Landesherr und hatte das Sagen. Lang vergangen natürlich, dieser Staat Münster. Frühere Jahrhunderte hatten es aber nicht so eilig, die Welt der Gegenwart anzupassen, und so müssen sich durch die Zeiten, des Königreichs Hannover und desjenigen der Preußen wie während der Weimarer Republik, Beziehungen erhalten haben, die es bei der Neugründung der Schachverbände nach dem Krieg nahegelegt haben, unseren Teil des Emslands (wie das Gebiet um Osnabrück) bei einem Schachverband Münsterland zu beheimaten. Und wahrscheinlich ist dies lang vor der Gründung der Bundesländer geschehen - so daß man sich, recht betrachtet, nur verwundern kann, wie Besatzungsmacht und Landespolitik sich nicht an die wohlweisliche Entscheidung der Schachverbände hielten und Meppen gedankenlos dem Land Niedersachsen zuschlugen... Man soll nicht spotten. Ein späteres Jahrzehnt, solch verwickelten Traditionen gründlich abhold und unempfänglich für den Charme von Anachronismen, glaubte es der lieben Ordnung schuldig zu sein, dieserlei Unregelmäßigkeiten ein Ende zu bereiten. Das geschah 1979, nicht zur Freude der emsländischen Schachvereine. Seither ist der Schachclub Meppen ein ordentliches Mitglied des Verbandes Niedersachsen und liegen Dülmen und Nordwalde, Münster und Borken weltenfern.
Der Schachverband Münsterland also. In ihn wird, den 22. Oktober 1960 auf einer Tagung in Rheine und damit gerade rechtzeitig für den Start der neuen Saison, der Schachklub Meppen aufgenommen und der Gruppe „Nord“ des Bezirks Rheine zugeordnet. Zum Verständnis ein wenig Grundlegendes vorweg.
Schach im Jahre 1960 ist beileibe keine Sportart (zu dieser Ehre hat man es erst in den 80er Jahren gebracht), sondern nur ein Spiel, wie Dutzende andere Spiele auch. Daraus Ernst zu machen, in einer Vereinsmannschaft um Punkte und Aufstieg zu kämpfen, das ist vor 40 Jahren immer noch die Sache weniger. Vereine zwar gibt es schon seit dem 19. Jahrhundert, sie sind jedoch dünn gestreut und meist nur in Großstädten und an Orten der Gelehrsamkeit zu finden - der intellektuellen Schwerstarbeit beim Ersinnen von Kombinationen gewinnt ja wohl nur der sein Vergnügen ab, der sich auch im Berufsleben einer geistigen Tätigkeit hingibt. So das gängige Bild. Abseits der Ballungszentren und Universitätsstädte, in der Provinz also, ist man gerade erst dabei, aus dem Dornröschenschlaf zu erwachen. Tiefe Provinz, geradezu Diaspora, ist anfangs auch der Schachbezirk Rheine. Im Süden, um die Stadt selbst herum, sieht es Ende der 50er Jahre zwar schon recht ordentlich aus - gleich zwei Mannschaften des Schachklubs Rheine bilden zusammen mit den Teams aus Borghorst, Emsdetten und Gronau die Bezirksklasse „Süd“. Der Konkurrent des SK Rheine vor Ort - die SG - spielt bereits eine Klasse höher. Nordwalde aber, die spätere Schachhochburg der Region und ein furchteinflößender Gegner, steckt noch in den Anfängen. Ein zweites Zentrum liegt längs der niederländischen Grenze; hier sind die Schachfreunde Nordhorn mit ihrer II. Mannschaft (auch hier ist die I. bereits aufgerückt) und den Gegnern aus Nordhorn-Blanke, Bentheim und Uelsen in der Bezirksklasse „Nord“ zusammengefaßt. Östlich von hier und nördlich von Rheine aber ist, bis zur Gründung der Schachvereine Lingen und Meppen im Jahr 1959, Wüstenei und Niemandsland. Und selbst mit diesen zwei neuen Mannschaften kommt man für die Saison 1960/61 nur auf bescheidene Zahlen; in dem ganzen großen Gebiet zwischen Meppen und Steinfurt, Uelsen und Emsdetten spielen unterhalb der Verbandsebene gerade einmal 100 Aktive organisiertes Schach. Heute zählt der Schachklub Meppen allein mehr an Mitgliedern. Verständlich angesichts solcher Dürftigkeit, daß von Kreisklassen keine Rede sein kann und ein Neuling gleich auf Bezirksebene anfangen darf, der zwischen den Gruppensiegern „Nord“ und „Süd“ ausgespielte Bezirksmeister schon der Verbandsklasse angehört. Für eine fein abgestufte Gliederung der Spielklassen fehlt zunächst jede Notwendigkeit - was sich nun, mit der Meldung II. Mannschaften und der Neugründung weiterer Vereine, rasch ändert. Bereits im Herbst 1961 wird der Bezirk Rheine neu strukturiert, so daß es jetzt eine Bezirksklasse „A“ (nichts anderes als eine Bezirksliga und so ab 1966 auch benannt) und darunter eine Bezirksklasse „B“ gibt. Etwa 1972 werden dann zwei neue Klassen eingeschoben, einmal die Bezirksoberliga und dann die Bezirksoberklasse, so daß ausgangs der 70er Jahre im inzwischen umgetauften Schachbezirk Emsland über 30 Mannschaften in vier Ligen gegeneinander antreten. Wer sich da durchgekämpft hat und Bezirksmeister geworden ist, der steigt in die Verbandsklasse Münsterland-Ost auf und darf weite Reisen nach Osnabrück und Münster und zu noch entlegeneren Orten tun. Näher, viel näher lägen Papenburg und Aschendorff, und nur ein Katzensprung ist es nach Löningen, wo es - wie man vage weiß - einen spielstarken Verein geben soll. Jedoch: Meppen gehört zum Schachverband Münsterland, Löningen nach Niedersachsen; und stiegen beide Vereine in ihren Landesbereichen noch so weit auf, eher käme eine Berliner Mannschaft nach Löningen, führen die Meppener nach Bonn, als daß es zu einem Punkteringen zwischen den benachbarten Städten käme. Weshalb man sich auch nicht weiter beachtet, fürs erste. Neunzehn Jahre hat der Schachklub Meppen dem Verband Münsterland angehört, eine lange Zeit. So lang, daß niemand von der Mannschaft, die am allerersten Spieltag im Herbst 1960 angetreten ist, noch aktiv und mit dabei war, als im Frühsommer 1979 die unwiderruflich letzte Runde ausgetragen wurde. Lang genug aber auch, um aus dem Neuen und Fremden Heimat werden zu lassen. Lang mögen die Fahrten gewesen sein, jedoch unternimmt man sie ja nicht jahraus jahrein zu den immer gleichen Vereinen, ohne nicht eine Vertrautheit zu entwickeln; Freundschaft wäre ein zu großes Wort (obwohl, auch sie ist mitunter entstanden), Bekanntschaft ein zu geringes. Bei aller sportlicher Konkurrenz gehört man doch zu ein und dem selben überschaubaren Kreis von Gleichgesinnten, und findet sich rund um die Punkte-kämpfe auch nicht häufig Gelegenheit zu längerer Unterhaltung, so ist man - eben auf 64 Feldern - sehr wohl im Dialog miteinander und lernt sich recht gut kennen. Schulze aus Nordhorn, das weiß man aus leidiger Erfahrung, darf man den Finger nicht in den Rachen stecken; gegen Lubba ist noch eine Rechnung offen - wessen beide eingedenk sind; und beim unsäglichen Janosch stellt man sich gleich von Anfang an auf protestschwangere Komplikationen ein. Das gibt es durchaus auch. So es der Rhythmus von Auf- und Abstieg und die Brettfolge zuläßt, trifft man sich im nächsten Jahr erneut, oder im übernächsten und auch zehn Jahre später noch. Gelegentlich wird dann, wenn man es sich leisten kann und er Gegner dessen gerade bedürftig ist, auch schon mal an allen acht Brettern Remis geschoben. Und da Jugendliche noch die Ausnahme, gestandene Männer die Regel sind, so altert man gemeinsam. Zieht sich dann ein Spieler vom aktiven Schach zurück, passiert es, daß man angesprochen wird, was aus dem oder jenem denn geworden sei. Ein übriges tun die gemeinsamen Bezirks-Veranstaltungen, unter denen die Bezirkstagungen die bedeutsamsten sind. Diese, alljährlich an einem Sonnabend vor Beginn der Spielzeit mal von dem einen, mal von dem anderen Verein ausgerichtet, führen damals die schöne Bezeichnung „Bezirksfest“. Nach Mittag zunächst die Arbeit, Sitzung des Bezirksvorstandes mit allen Vorsitzenden, Spielleitern und Kassierern. Gegen drei das übliche Mannschaftsblitzen um die Bezirksmeisterschaft, was sich mit Vor- und Endrunde bis in den frühen Abend hinzieht. Gemeinsames Essen. Siegerehrung. Dann nicht etwa Schluß der Veranstaltung, sondern die Festivität, wofür der Fachterminus „Tanz und Tombola“ lautet. Daß für die Tombola hinreichend attraktive Preise zur Verfügung stehen, dafür hat der Ausrichter Sorge zu tragen (und tut dies mit einiger Phantasie: einmal gewinnt Lydia Deeken ein Spanferkel – lebend. Vor seinem unvermeidlich letzten Gang muß es in der heimatlichen Garage verwahrt werden); ebenso für ein vergnügliches Rahmenprogramm, die Ehefrauen der Spieler in möglichst stattlicher Zahl anzulocken. Dann so absonderlich ist der Schachspieler ja nun nicht, daß er mit Seinesgleichen aufs Parkett schreitet. Tanz also, Kaffee und Bier - Vergnügungen, die sich vom Ausgang unseres Jahrhunderts her gesehen harmlos und altbacken ausnehmen. Dem sind wir ja weit entwachsen und haben deshalb guten Grund, mitleidig zu lächeln. Aufbruch dann je nach Dauer der Heimfahrt, zwischen elf und zwölf. Nächstes Jahr sieht man sich wieder. Das letzte dieser Familientreffen findet 1979 in Nordhorn statt. Noch einmal treten die Spieler aus Lingen und Borghorst, Nordwalde und Nordhorn, Meppen und Rheine gemeinsam an. Sehr viele Jugendliche sind inzwischen darunter, denen fällt die Trennung leicht. Denen nicht, die in diesem niedersächsisch-westfälischen Gebilde groß geworden sind. An dem Vertrauten hat man gehangen und mißmutig schaut man dem Neuen entgegen, so im Herzen unfroh, daß der damalige Bezirksvorsitzende, Werner Heuser aus Nordhorn, mit dem Gedanken spielt, sich mit dem Rest seiner emsländischen Vereine lieber ganz und gar selbständig zu machen. Wie über solche Pläne dann aber die Wirklichkeit hinweggeschritten ist, an jenem Juniabend der Saal Neesen nach und nach verwaist, mag Manchem eine Ahnung davon gekommen sein, zu welchem Preis moderne Zeiten nur zu haben sind.
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