Um die Vereinsmeisterschaft (1961 - 1970)

Es ist Mittwoch, der 29. November 1961.
Im Vereinslokal „Emsländer Hof“ beginnt abends ein offenes Preisturnier, vom Schachklub Meppen auf Betreiben des regen Alfred Immisch ausgelobt, um für die Spiele in der Bezirksklasse Rheine neue und wennmöglich starke Spieler anzuwerben. Dies scheint nun zwar auf den ersten Blick nicht gerade lebensnotwendig zu sein - der Verein zählt immerhin ein gutes Dutzend aktiver Mitglieder und die haben die erste Saison (1960/61) durchaus achtbar hinter sich gebracht und gegen erfahrene Konkurrenz auf Anhieb einen Mittelplatz errungen. Allein, es ist dieser gute Einstand bei der Neueinteilung der Spielklassen im Herbst 1961 nicht honoriert worden. Während die Nachbarvereine aus Lingen, Nordhorn und Bentheim nun in der neu eingerichteten Bezirksklasse „A“ eingestuft sind, verbleiben die Meppener in der untersten Spielklasse, der Bezirksklasse „B“. Keine Frage: Das Preisturnier soll dazu dienen, den baldigen Aufstieg sicherzustellen.
So stehen an diesem Mittwochabend einige gestandene Vereinsmitglieder im Hinterzimmer des „Emsländer Hofes“, um die angelockten Talente zur ersten Runde zu empfangen. Zahlreich müßten sie kommen, denn das Startgeld beträgt nur 1,- DM (was freilich damals viel mehr war als heute), und der ausgesetzte Preis ist beachtlich, ein Satz Schachfiguren in Deutscher Norm. Anwesend ist Alfred Immisch selbst, als Schriftführer des Vereins und Organisator des Turniers - ein älterer und zurückhaltender Herr. Ebenso selbstverständlich wie seine Teilnahme ist die des Vereinsvorsitzenden, Rolf von Hunnius, der seit dem Ausscheiden des Gründungsvorsitzenden Eugen Stetzko dieses Amtes in Würde und Kompetenz waltet. Und natürlich spielt auch der Lokalmatador mit, Lothar Kop, noch ein jungern Mann und selbst erst ein Jahr dabei, aber schon der Sieger des Vereinsmeisterturniers von 1961. An ihm vor allem werden sich die neuen messen lassen müssen.
Die Bretter sind aufgebaut, ausgelegt die Partieformulare - dünnes Papier mit einem Stich ins Beige übrigens, die Buchstaben und Ziffern noch in der Form, die 25 Jahre zuvor in Mode war, manches wandelt sich nur mählich. Trinkt man etwas, wie man da so steht und harrt? Schon um Wirt Hornung froh zu stimmen. Aber gewiß trinkt man kein Cola (neuzeitliches Gesöff), sondern Bier und dabei wahrscheinlich eine der Marken, die heute schon völlig vergessen sind, „Dortmunder Union“ mag sein. Und wenn es einen Schnaps dazu gibt, dann wird das „Doornkat“ sein, den gab es in einer länglich-eckigen Flasche - längst verschollener Spitzenreiter in der Gunst des Publikums. Wer Raucher ist und etwas zu repräsentieren hat, der raucht Zigarre (der junge Knop Zigarette). Hosen haben Hosenträger und reichen, bei den Großvätern, in bewährter Weise noch halbenwegs zur Brust hinauf. Hemd ist Pflicht, die Kravatte bei jedem halbwegs öffentlichen Auftritt zu präsentieren, darüber ein dunkles Jackett (bei Knop ein dunkler Pullover). Um die Ecke, an der Garderobe, hängen an den Knöpfen über den Mantelhaken ganz selbstverständlich Hüte - die Jugend allerdings fängt schon damit an, barhäuptig zu gehen: wo soll das alles enden?
Vorne, im Schankraum, mag Wirt Hornung sich zum wiederholten Mal fragen, ob das mit diesem Schachklub denn eigentlich ein Geschäft ist. Sicher, damals vor drei Jahren, bei der Gründung mit drei Dutzend Leuten hier, das sah ordentlich nach was aus. Aber danach ist die zahl doch bald auf zehn, zwölf Mann zusammengeschmolzen, und selbst die kommen nicht regelmäßig. Trinken auch nicht viel. So daß das schon eine sehr gute Idee ist, das mit dem Preisturnier. Und der erste Preis soll ja sehr beachtlich sein, jedenfalls für Schachspieler, die deutschen Schachfiguren - was das nun wieder ist.
Alles ist bereit an diesem herbstlichen Mittwochabend - doch enttäuschend ist die Resonanz. Auch mit weiteren Vereinsmitgliedern kommt man insgesamt auf nur 9 Teilnehmer. Einer der Neuen ist ein Leonhard Hiemann, ganz aus Herzlake herübergekommen; der andere ein Lehrer aus Wesuwe, wie Hiemann kein junger Mann mehr, schlank und tadellos in Anzug und Kravatte erschienen: Friedich Guba. Ihn führt diesen Mittwoch die erste Runde mit Engler zusammen, dem als Schwarzer schon im 7. Zug - warum soll man denn im angenommenen Damengambit nicht mal b5 und a6 probieren? - eine Figur abhanden kommt. Am folgenden Mittwoch ist es dann Vereinsmeister Knop, der unter die Räder einer dieser langen und heimtückischen Varianten Gubas in der französischen Verteidigung gerät, und im Januar erwischt es den gleichfalls stark aufspielenden Hiemann. Erst in der letzten Runde läßt sich Guba (aus Höflichkeit?) vom Vereinsvorsitzenden von Hunnius schlagen, so daß es bei Toresschluß folgendermaßen aussieht:
Knop und Hiemann je 6 (aus 8), Guba 5.5 und Schaaf 5 (aus 7) –
der Rest ist abgeschlagen.
Die Entscheidung um Pokal und Preis muß in der letzten ausstehenden Partie zwischen Guba und Schaaf fallen, einer Hängepartie - Schaaf, noch ein Schüler, hatte pünktlich zu Hause sein müssen.
Guba mag sich bei Abbruch dieser Partie seiner eigenen Jugend entsonnen haben, in den 30er Jahren. Da hatte er sich, trotz strikten Verbotes seiner Mutter, abends zu den Vereinsmeisterschaften des Schachklubs in Komotau davongestohlen, was gerade so lange gut ging, bis das Ortsblatt die Rundenergebnisse veröffentlichte... Die Jugend eines späteren Jahrzehnts hatte es da (etwas) leichter.
Gleichviel. Bei Abbruch der Partie steht Schaaf mit einer Mehrfigur auf Gewinn. Zur Wiederaufnahme erscheint Guba jedoch bis an die Zähne gerüstet (noch heute heften am Partieformular fünf engbeschriebene Analysebögen), nach wenigen Zügen ist die Figur zurückgewonnen, und da Schaaf - den möglichen Turniersieg vor Augen - ein Remis ablehnt, kann sich Guba im 61. Zug einer dramatischen Partie durchsetzen.
Die Schachfiguren in Deutscher Norm wandern also nach Wesuwe (wo sie bis heute zur steten Verfeinerung des Colle-Aufbaus dienen), Friedrich Guba aber sitzt nach diesem Auftritt das nächste Vierteljahrhundert, ununterbrochen und unangefochten, am Spitzenbrett der I. Mannschaft.
iEin wichtiges Ereignis, dieses Preisturnier von 1961/62, führt es dem Schachklub Meppen doch mit Friedrich Guba den stärksten Spieler der folgenden Jahrzehnte und mit Leonhard Hiemann einen späteren Vereinsvorsitzenden zu. Aber wirklich so wichtig, daß es gerechtfertigt ist, auf dieses Turnier und seinen Haupthelden derart detailliert einzugehen?

Pfingsten 1997
Ich sitze im sonnendurchfluteten Wintergarten, vor mir vier Aktenordner mit Tabellen, Spielplänen, Abrechnungen und Zeitungsartikeln, aus denen ein Rückblick auf die Vereinsgeschichte schöpfen könnte. Nur nach Jahren geordnet ist alles, was die Zeit überlebt hat, einfach zusammengeheftet, Wichtiges neben Belanglosem, manchmal reißt ein unscheinbares Stück Papier das Tor zur Vergangenheit weit auf, für einen Augenblick: da ein Zettel, auf dem die Einzelspenden für ein Geschenk zur Hochzeit von Karl-Heinz Klose verzeichnet sind; der hat überlebt. Anderes, selbst Zentrales, nicht. Gerade die Geschichte der ersten zehn, zwölf Jahre ist in stygische Dunkelheit gehüllt, bis auf einzelne Mosaiksteinchen schweigt sich das Material selbst zu so interessanten Punkten wie den jährlichen Vereinsmeistern aus. Wann genau eigentlich hat die I. Mannschaft in welcher Klasse gespielt? In welcher Besetzung? Gegen welche Gegner? Wann ist diese II. Und III. Mannschaft aufgestellt worden, von denen ein magerer Zeitungsartikel plötzlich berichtet? Wer waren die Schriftführer, Spielleiter, Kassierer? Wohin sind die Spieler verschwunden, die in dem einen Jahr für ihre Siege in Verbandsklassekämpfen würdigend erwähnt werden, von denen aber die Mitgliederliste ein Jahr später rein gar nichts weiß? Wie hieß und heißt jener Schaaf, die die entscheidende Partie gegen Guba verloren hat, mit Vornamen? Wann sind Manschen, an die nur eine vergilbte Pressenotiz erinnert, geboren worden? Fragen.
So sitze ich im Wintergarten und warte auf Friedrich Guba. Wohl zehn Jahre, seit seinem Ausscheiden aus der I. Mannschaft, habe ich ihn nicht mehr gesehen - ihn nicht vergessen, aber doch aus den Augen verloren. Etwas beklommen angesichts meiner Nachlässigkeit habe ich ihn vor einigen Tagen angeschrieben und mich dabei gefragt, ob er denn mit seinen knapp 80 Jahren sich noch erinnern mag oder kann, und wie er meinen Überfall aufnimmt. Dann aber hat er sofort geantwortet - ja, er habe Material, seine Partiensammlung mit Kommentaren und kurz notierten Begebenheiten, eigentlich ja nur für den privaten Gebrauch bestimmt, aber wenn ich etwas davon für die Chronik gebrauchen könnte, würde er eine Ausnahme machen und mir natürlich auch Fragen beantworten, so gut das ginge.
Und wie er jetzt vor der Haustür steht, die schwer gefüllte Aktentasche unter dem Arm, da hat er sich gar nicht verändert; die ersten Worte sind Entschuldigungen dafür, daß er zwei Minuten zu früh sei; daß sein Gedächtnis in letzter Zeit so nachgelassen habe, daß er kaum eine Hilfe sein werde. Aber noch sitzt er nicht, da erinnert er sich schon, packt mir dabei drei dicke Ordner auf den Tisch, holt noch einen Zettel hervor, auf dem in Stichworten Kurioses und Ernstes der Vereinsgeschichte notiert ist, und bringt mir das in einer Stunde voll Nachdenklichkeit und Herzlichkeit, mit strahlenden Augen und plötzlich hervorbrechendem Witz nahe. Ein Mensch, in dem sich Zurückhaltung und jugendliche Freude, Verletzbarkeit und Herzenswärme liebenswert verbinden.
Diese Chronik verdankt Friedrich Guba viel, und nicht nur sie. Und wenn ich dies hier niederschreibe, dann muß ich es hinter seinem Rücken tun. Schon die paar Sätze, die jene schmale Broschüre zum 30jährigen Jubiläum des Vereins über ihn verliert, kommentiert er in seinen Schacherinnerungen als völlig übertriebene Würdigung. So ist Friedrich Guba.
(Und ich kann nur hoffen, daß mir meine Verstohlenheit genauso nachgesehen wird, wie seine eigene - damals, als Sie hinter dem Rücken Ihrer Mutter angefangen haben, Schach zu spielen.)

Weitere starke Spieler finden, wenn auch manchmal nur für kurze Zeit, ihren Weg zum Schachklub Meppen. Ganz besonders ergiebig ist das Jahr 1963. Wie Leonhard Heimann kommt auch der Möbelfabrikant Karl-Heinz Klose aus Herzlake, und dann taucht - eines winterlichen Spielabends - ein Gast auf, den der Beruf aus Bentheim (wo er schon Schach gespielt hat) nach Haselünne verschlagen hat und der die Vereinsmeisterschaft unbedingt mitspielen will: Heinz Neumann. Nun, man tut ihm den Gefallen; und sich selbst einen weit größeren.
Ebenfalls in das Jahr 1963 fällt der Beginn des nächsten offenen Preisturniers - und dies wird nun eine ganz andere Sache. Inzwischen ist nämlich mit Alfred Binding ein Spieler eingetreten, der über Bundesligaerfahrung verfügt und als Redakteur einer Meppener Tageszeitung viel für die Publizität das königlichen Spiels tut, dabei aber das Heft so sehr in die Hand genommen zu haben scheint, daß der bisherige Organisator Immisch den Verein im Zorn verläßt. Wie auch immer, das „Turnier des Unbekannten Schachspielers“ wird jetzt Runde um Runde in der Presse kommentiert und versammelt 18 „Unbekannte“, von denen einige später der I. Mannschaft angehören werden, so Totzke und vor allem der sehr stark spielende Lehrer Abeck, der nach rasantem Aufstieg bis ans 2. Brett dann wenige Jahre später viel zu früh verstorben ist.
Als namhafter Konkurrent um den Titel eines Vereinsmeisters kommt 1966 noch Schwekendiek hinzu, und zusammen mit den „alten Hasen“ bevölkern diese Spieler in den 60er Jahren die Turniertabellen, so daß das Teilnehmerfeld für die Vereinsmeisterschaften mit der Zeit auf eine stattliche Größe anwächst. Und in diesen „Klubturnieren“ geht es kämpferisch zu: von den 120 Partien der Vereinsmeisterschaft 1955 etwas gehen gerade mal 7 remis aus; und wenn der Senior des Vereins, der über 80 Jahre alte „Opa“ Kuschke, mit der von ihm bevorzugten Strategie (opfern, was das Zeug hält) gegen einen Dupree, Düsenborg oder Dr. Polatschek wider Erwarten den Kürzeren zieht, dann fliegen schon mal die Figuren vom Brett.Die Vereinsmeisterschaft 1962 („Sommerturnier“) sieht 12 Teilnehmer am Start. Es geht erstmals auch um den Wanderpokal, den Wirt Hornung gestiftet hat, und das Rennen zwischen den beiden Kronprätendenten der folgenden Jahre ist offen. Diesmal setzt sich Lothar Knop - kein Freund theoretischer Vorbereitung, aber ein Kämpfer und Sportsmann sondergleichen, der auch in Meisterschaftspartien dem Gegner die Rücknahme eines offensichtlich schlechten Zuges anbietet - gegen den Konkurrenten Guba durch, indem er den entscheidenden Zweikampf für sich entscheidet:
1. Knop 10.5 2. Guba 10 3. Hiemann 9 4. Singer 7.5 (jeweils aus 11)
Aber schon im folgenden Jahr - 1963 - triumphieren die ausgefeilten Eröffnungsvarianten und sorglichen Berechnungen Friedrich Gubas, der mit einer Ausbeute von 100% über die Ziellinie geht:
1. Guba 10 2. Schaaf 8.5 3. Knop 8 4. Hiemann 6 (jeweils aus 10)
Besondere Spannung verspricht um die Jahreswende 1964/64 die nächste Ausscheidung, hat Guba seinen Titel ja nicht nur gegen Knop und Heimann, sondern auch gegen die unbekannten Größen Klose und Neumann zu verteidigen. Der Hauptkonkurrent, ja der eigentliche Favorit aber ist Binding, der als Ex-Bundesligaspieler an den Vereinsabenden die Provinzler in rasendem Tempo nur so vom Brett zu fegen pflegt. Gleich die erste Runde sieht die Entscheidungspartie um die Vereinsmeisterschaft 1964 - Binding versucht mit einem Springeropfer die Französische Verteidigung Gubas zu überrennen, beißt sich jedoch an der hartnäckigen Verteidigung fest, und da sich ein Mattangriff nicht realisieren läßt, ist die Sache bei Abbruch der Partie gelaufen.
1. Guba 8.5 2. Binding 8 3. Knop 6.5 4. Klose 6 5. Hiemann 5 (jeweils aus 9)
Das Jahr 1966 sieht dann wieder Guba im Alleingang. Gerade nur zwei Remis (gegen Knop und den langjährigen Kassierer des Vereins, H.C. Oppermann - der übrigens in jeder Partie gegen Guba über sich hinauswuchs und in den meisten Fällen ein Remis ertrotzte) „beflecken“ eine ansonsten tadellos weiße Weste:
1. Guba 14 2. Hiemann 12 3. - 5. Knop, Klose, Schwekendiek 11 (aus je 15)

Gern würde die Chronik an dieser Stelle mit knappen und gesicherten Informationen über die folgenden Vereinsmeisterschaften fortfahren. Dies jedoch fällt schwer, denn meine Hauptquelle für Ergebnisse und Verlauf der Klubturniere schweigt für die nächsten Jahre. Berufliche Belastungen und ein Autounfall (auf der Rückfahrt von einem Vereinsabend) führen dazu, daß sich Friedrich Guba von der Vereinsmeisterschaft 1967 zurückziehen muß und sich an der von 1968 nicht beteiligt. Wo bislang dank der von ihm verwahrten Turniertabellen Klarheit herrschte, breitet sich Ungewißheit aus. Noch verbürgt ist der Ausgang für 1968 - ein in Gubas Partiensammlung abgehefteter Artikel vom September nennt Lothar Knop als Meister; nachvollziehbar auch das Schicksal der Meisterschaft im Jahr darauf. Bereits im Herbst 1968 als doppelrundiges Turnier gestartet, zieht sich diese Ausscheidung angesichts zahlreicher Teilnehmer und ihres häufigen Fehlens über ein dreiviertel Jahr bis zu den Sommerferien 1969 hin und ist nach der Sommerpause offensichtlich nicht wieder aufgenommen worden. So jedenfalls erinnert sich Guba - er spielt in jenem Jahr wieder mit - und wird darin bestätigt von einem kurzen Abriß der Vereinsgeschichte, der sich in den Vereinsunterlagen befindet, von unbekannter Hand verfaßt. Was aber ist mit 1967?
Hier nun beginnt die Arbeit des Chronisten, denn in jenem kurzen Abriß wird die Vereinsmeisterschaft von 1967 Friedrich Guba zugeschrieben - was natürlich nicht zutreffen kann, da Guba vor seinem Ausscheiden gerade die Hälfte seines Programms absolviert hatte. Was nun? Weiterhilft jener Zeitungsartikel vom September 1968, der nicht nur Knops Sieg, sondern auch den bemerkenswerten Umstand vermeldet, es habe dieser Spieler in den zwei vorangegangenen Jahren weder in den Mannschaftskämpfen noch im Verein auch nur eine Partie verloren. Und wie auf Kommando trifft nächsten Tages ein Brief von Lothar Knop beim Chronisten ein, der die bei ihm erhalten gebliebenen Dokumente auflistet, darunter befindet sich die Siegerurkunde für das Jahr 1967.
Eine Lücke feststellen oder eine Unstimmigkeit, stundenlanges Durchforschen vergilbter Zettel auf der Suche nach einem Fingerzeig, aus allem das Vergangene rekonstruieren: das ist die Arbeit des Chronisten. Hier einmal mit glücklichem Ausgang.Wieder ist es Mittwoch, diesmal der 23. September 197o.
Am frühen Abend sitzen sich zum Entscheidungskampf um die diesjährige Vereinsmeisterschaft Friedrich Guba und Lothar Knop am Brett gegenüber, das reguläre Turnier hat mit einem toten Rennen geendet. Knop wird die weißen Steine führen, und er eröffnet mit dem Königsbauern. Guba antwortet mit e6 - Französisch wird auch diese, ihre letzte Partie sein. Und während nun die d-Bauern vorrücken und Knop die Stellung mit e5 abschließt, die Züge notiert werden und sich zu einer so bekannten Position zusammenfinden, während die Uhr tickt und an den anderen Tischen freie oder Blitzpartien absolviert werden, der Wirt auf die Bestellung der ersten Runde den Raum betritt - teilt sich da, vielleicht nur im Bruchteil einer Sekunde, den beiden die Ahnung mit, daß hier und heute, mit dieser Partie, ein Abschnitt der Vereinsgeschichte zu Ende geht?
Die Uhr tickt, unparteiisch gegen beide Seiten, der Bauer auf d4 wird belagert und verteidigt, man kennt die Züge. Gewiß, da waren andere Anwärter auf den Titel, ein Leo Hiemann, ein Binding und Klose und Schwekendiek, starke und ernsthafte Konkurrenten, gewiß. Aber dies hier ist die wahre Geschichte der letzten neun Jahre, der Wettkampf der in dieser Zeit dominierenden Spieler. Beide haben sich den Titel je viermal sichern können und liegen gleichauf – und jetzt, wo Friedrich Guba mit den Klubturnieren aufhören will, da fügt es sich wie in einem Film, in dem es nur so und nicht anders ausgehen kann: das letzte Match, die Entscheidungspartie, und auf der Bühne nur die zwei und niemand sonst. Und noch etwas fügt sich, denn wie jetzt Guba seinen Springer unorthodox nach h6 entwickelt, wird gerade diese letzte Partie zum Sinnbild dessen, was den einen, was den anderen am Brett auszeichnet: Gubas detailliertes Eröffnungswissen gewinnt ihm einen Bauern – und der Kämpfer Knop wird nun alles auf eine Karte setzen.
Während drinnen, im Spiellokal, dieser letzte Akt stattfindet, hat sich dort draußen die Welt schon lang verändert. Weit sind wir gekommen, in den letzten neun Jahren, die Moderne hat auch das Emsland jetzt erreicht. Es ist die Zeit, in der das alte Meppen versinkt. Auch hier ist nunmehr nur gut, was neu ist und glänzt, Beton und Aluminium sind in. Das alte Amtsgericht, dieser zugige Kasten, er geht dahin in diesen Jahren und endet als Untergrund für den Rühler Sommerweg. Ihn begleiten das Hotel Warren, die ganze Obergerichtsstraße, die Linden in der Mühlenstraße und der gesamten Neustadt, die müssen dem grau gepflasterten Gehsteig weichen. Bald schon wird es keine Bahnschranken mehr geben und die letzte Dampflok gefahren sein. Vertreter in Sachen Haustür machen glänzende Geschäfte auf dem flachen Land und implantieren altehrwürdigen Bauernhäusern ihre Aluminium-Drahtglas-Monster. Aus den Badezimmern verschwinden die vierfüßigen emaillierten Zinkwannen und machen einer Kachellandschaft Platz, das Duschen löst das samstägliche Wochenbad ab. Es verabschieden sich die schwarzen Telephone mit Wählscheibe und hoher Gabel; die Milchflaschen, die mit einer dicken Sahneschicht im Hals morgens vor der Haustür standen; die alten Obstgärten und die Spargelbeete hinter dem Haus. Und eines Tages wird Uromas Kirschholzbuffet, aus Kaisers Zeiten, zu Brennholz gesägt – nun steht da ein Schreibtisch aus Spanplatte in buntem Furnier. Hosen haben keine Hosenträger mehr, sondern einen Gürtel, und enden knapp über der Hüfte. Die Hemden zeigen neuerdings breiten Kragen, der Rollkragenpulli (aus Kunstfaser) und die Jeans mit Schlag sind im Kommen, beim Anzug wählt man lichte Töne. Hut ist out, das Haar lang. Und Adenauer vorbei.
Die Welt, sie wandelt sich bestürzend schnell in diesen Jahren. Und dieser Wandel macht auch vor dem Schachklub Meppen nicht halt. Geschichte, ein abgeschlossenes Kapitel, ist die Zeit im „Emsländer Hof“ – der jetzt seinen trüben Abstieg zum Bordell beginnt, später dann als ausgebrannte Ruine noch eine Weile seinen Platz behauptet, endlich abgerissen wird. Seit 1966 schon ist die neue Adresse das „Kolpinghaus“, schräg gegenüber, und der Wirt heißt Kösters. Aber auch hier ist des Verweilens nicht lange und Ende 197o zieht man weiter, in den Gasthof „Zur Linde“ an der Herzog-Aremberg-Straße, nur um sich wenig später erneut auf den Weg zu machen, wieder ein neues Asyl: die Gaststätte „Finkenbrink“. Abeck, der olle Kuschke, lang schon tot. Viele der Gründungsväter, die damals den Verein aus der Taufe gehoben haben, sind nun zu alt geworden und kommen nicht mehr. In ferne Landstriche versetzt: Schwekendiek und andere. Und wieder andere werden von Familie und Beruf zu sehr in Beschlag genommen, um regelmäßig erscheinen zu können – gerade wenn man von auswärts anreisen muß. Zu diesen gehört auch Friedrich Guba, dem sein Autounfall noch in den Knochen steckt. Das Klubturnier von 197o wird sein letztes werden.
Zwar, noch immer präsidiert in Würde und Kompetenz Rolf von Hunnius; und nach dem kläglichen Ende der Vereinsmeisterschaft von 1969 unternimmt der neue Spielleiter, Ernst Totzke, einen energischen Versuch, das Vereinsleben neu zu inspirieren, indem die Meisterschaft nur noch einrundig ausgetragen, ein unentschuldigtes Fernbleiben von angesetzten Partien als Verlust gewertet werden soll. Aber es ist, als habe sich den Vereinsmitgliedern auf geheimen Kanälen die Botschaft mitgeteilt, daß mit dem Wandel der Welt nun auch die Tage des alten Schachklubs Meppen gezählt seien. Gegründet von Honoratioren, denen es kein allzu großer Unterschied war, ob Schach oder Skat gespielt wurde, und die ihre Steine in reiner Liebhaberei und ohne besondere theoretische Ambitionen gegeneinander führten. Das wird bald anders werden.
Und so, in einer Atmosphäre des Ermattens, findet die Vereinsmeisterschaft von 197o statt. Auf zwölf Teilnehmer geschrumpft ist das Starterfeld, richtiger: auf elf Teilnehmer und eine Teilnehmerin, denn mit Margret Guha spielt erstmals eine Frau das Turnier mit – wahrlich eine heikle Aufgabe für Friedrich Guba, der in der ersten Runde gegen sie antritt. Aus Höflichkeit ein Remis einräumen, das kann er nicht; denn von allem Anfang an geht es nur um die eine Frage: Guba oder Knop? Und wie sie sich auch beäugen und darauf hoffen mögen, daß sich der andere eine Blöße gibt, ist es Spielabend um Spielabend das gleiche Bild: Knop gewinnt, Guba gewinnt. Niemand vermag zu folgen, niemand das Zünglein an der Waage zu spielen – nur die zwei auf der Bühne und niemand sonst. Endlich, in der letzten Runde, das direkte Duell. Remis. Die Entscheidung ist vertagt.

Der Stichkampf also: was hat sich in der Zwischenzeit ereignet?
Lothar Knop hat einen weiteren Bauern angeboten und sich dafür einen Sturmangriff auf Gubas Rochadestellung erhandelt, zehn Züge hindurch schwankt das Schicksal der Partie auf schmalem Grad. Wie nun aber der Angriff nicht weiterkommt, die schwarzen Figuren unter den ganz und gar verlassenen weißen Bauern auf dem anderen Flügel wüten, zeichnet sich der Ausgang ab. Knops König wird auf Wanderschaft gezwungen, und wie er auf f6 anlangt, ist es aus.
Wie zur Bestätigung, daß mit dieser Partie etwas zu seinem Ende gekommen ist, heißt der Vereinsmeister des folgenden Jahres Karl-Heinz Klose.