Sage von der Gründung der Schachklubs Meppen (1959 - 1960)

Aller wahrhaft bedeutenden Einrichtungen Ur- und Anfangsstunde entzieht sich, da man nach präziser Information zu fahnden unternimmt, in sagenhafte Ungewißheit. So ist das bei Rom, so ist es beim Schachklub Meppen. Ob nun vor ein paar tausend Jahren oder nur vor einigen vierzig, darin gleicht sich die Mentalität aller Gründer: daß ihr Augenmerk ganz dem Hier und Heute gilt und wenig an Gedanke verbleibt für die ferne Zukunft und die Mühsal des Chronisten. Allenfalls das Nötigste wird festgehalten. Da hat es keiner der Schachfreunde, die sich an einem winterlichen Abend im Januar 1959 zur konstituierenden Sitzung eines Vereins zusammenfanden, für nötig befunden, das Geschehen in Schrift zu fassen und auf die Nachwelt genaue Botschaft über das Wie und Wer und Wann kommen zu lassen. Immerhin, wir wissen den Monat und den Ort - der „Emsländer Hof“ gegenüber dem Bahnhof war´s und der Wirt hieß Hornung - der Geburt unseres Vereins, aber schon das genaue Datum fehlt uns, und gleichfalls ungewiß bleibt Zahl und Identität der Konstituenten. Sind es 17 gewesen? Oder doch die rund 30, an welche sich mein Gewährsmann Eugen Stetzko zu erinnern vermeint? Waren ein Rolf v. Hunnius, ein Nicolai Kuschke und selbst ein Otto Lütke wirklich von allem Anfang an mit dabei? Und Frauen? Nirgendwo findet sich das verzeichnet. Also ist doch noch nicht einmal das Nötigste festgehalten worden, der erste Vorstand zu allerwenigsten? Von Alfred Immisch, dem Schriftführer der ersten Jahre, will ich glauben, daß er ein Mann der Ordnung war; sorgsam geordnet hat er Mitgliedsbuch und Austrittserklärung und seine Entwürfe zu allen Zeitungsartikeln hinterlassen, auf jedem Entwurf auch notiert, ob und in welchem Umfang diese Artikel dann auch abgedruckt worden sind. Es fehlen in seinem Nachlaß jedoch Mitgliederlisten, Turniertabellen und jedwedes Protokoll - all das also, was über das Tagesgeschehen hinaus für den Verein interessant gewesen sein mochte. Ich bin mir sicher, es hat diese Unterlagen durchaus gegeben und sind von Alfred Immisch bei seinem Rück- und Austritt 1963 seinem Amtsnachfolger auch ausgehändigt worden, von dem wir indes nicht wissen, wer es gewesen sein könnte. Und wie weiter? Nun, wie Zeit und Leben das zu besorgen pflegen: Vielleicht ist dieser Nachfolger oder ein späterer kein so penibler Mensch, und scheidet seinerseits er aus dem Amt, dann will er die Unterlagen gewiß weitergeben, nur daß sie just nicht zur Hand sind. Ein ums andere Mal tritt dem guten Vorsatz irgend etwas hinderlich in den Weg, und ohne böse Absicht verliert sich die Sache schließlich aus den Augen. Dann geraten die Papiere in andere hinein, verstauben in entlegener Ecke, bis ein Umzug oder dergleichen endlich dazu führt, daß der ganze Kram, früher einmal wichtig und nun nicht mehr, im Papierkorb landet. Aus und vorbei.

Herzlich wenig also wissen die Vereinsordner über das erste Jahrzehnt unseres Schachklubs mitzuteilen - das älteste erhaltene Protokoll einer Mitgliederversammlung stammt von 1969 und hat in der Partiensammlung Friedrich Gubas überlebt - und buchstäblich nichts über das Gründungsjahr. Völlig auf dem Trockenen säßen wir, hätte vor zehn Jahren etwa sich nicht schon einmal jemand an einem kurzen Abriß der Vereinsgeschichte versucht und dabei das Gründungsgeschehen auf einer Seite vage abgehandelt. Wer dieser Jemand gewesen ist? Das weiß ich nicht und kann nur vermuten, daß es sich bei diesem Anonymus um Rolf v. Hunnius handelt. Ist dem so, dann hätten wir den allerdings reichlich mageren Bericht eines Augenzeugen in Händen, der bis zu seinem Tod als „lebendes Gedächtnis“ des Vereins fungiert und in seiner Abschiedsrede als Vorsitzender (1974) dessen Geschichte den Anwesenden erzählt hat. Viel mehr als drei oder vier Anhaltspunkte gibt das Protokoll der damaligen Versammlung freilich nicht her. Bei aller Phantasie und Formulierungskunst ließe sich mit all dem, diesem wenigen, kaum mehr als ein oder zwei Seiten bestreiten - hätten sich nicht doch noch zwei Zeitzeugen gefunden, die 1959 mit von der Partie gewesen sind und dem Verein bald darauf den Rücken gekehrt haben. Den einen hat der pure Zufall vermittelt, das ist Hans Jungeblut aus Vechta, im Gründungsjahr für einige Monate Klubmitglied. Der andere ist der heute wieder in Hannover lebende Eugen Stetzko, von 1959 bis Ende 1960 der erste Vereinsvorsitzende. Er hat für unsere Chronik nicht nur einen Zeitungsartikel von Januar 1959 ausgegraben (es ist das einzige originale Dokument, das wir für dieses Jahr besitzen!), sondern auch sein glänzendes Gedächtnis zur Verfügung gestellt. So gebe ich weiter, wessen er sich nach bald 40 Jahren erzählend entsann. Hier die Sage von der Gründung des Schachklubs Meppen.
Die Geschichte des Schachklubs Meppen beginnt auf der Kuhweide. Die ist Ende der 50er Jahre gerade das, was ihr Name verheißt, aber nicht mehr lange. Vorgesehen als Neubaugebiet soll sie vermessen werde, wofür das damalige Kulturamt - heute: Amt für Agrarstruktur - verantwortlich zeichnet. Dem fehlt es jedoch an geeignetem Personal, weshalb aus den benachbarten Ämtern gleichen Behufs Hilfskräfte abgestellt werden. Auch aus Papenburg. Von dort kommt 1957 oder 1958 als Vermessungsgehilfe Kurt Ender,
„der bereits 1947 in Papenburg einen auch heute noch sehr lebendigen Schachklub gründete, der vor zwei Jahren im Fernschach der Meisterklasse gegen Könner aus vielen deutschen Städten und des Auslands mit beachtlichem Erfolg teilnahm, der in der Deutschen Schachzeitung wie in der Zeitschrift `Schach-Echo´ sehr interessante Problemstellungen und Schachpartien veröffentlichte...“
- wie es in dem Presseartikel vom 24. Januar 1959 heißt, der der Öffentlichkeit die Geburt des Schachklubs Meppen anzeigt. O je. Welch bedeutender Mann! Nach allem, was mir Stetzko und Jungeblut anvertraut haben, ein doch arg geltungsbedürftiger Mensch, so daß ich vermeine, es möchte der Wortlaut dieses Lobliedes aus seiner eigenen Feder geflossen sein.
Wie auch immer - Kurt Ender kam, sah und siegte noch nicht gleich, aber bald. Zunächst begegnet er im Kulturamt zwei Sachbearbeitern, die dem Schach gleichfalls anhängen. Einer ist jener Alfred Immisch, den wir als Schriftführer des Vereins bereits kennengelernt haben, ein älterer und etwas gestrenger Herr. Der andere ist der Zeuge selbst, Eugen Stetzko, den es nach dem Zweiten Weltkrieg aus Hannover ins Emsland verschlagen hat. Dort, in der Heimatstadt, ist er als Jugendlicher noch in der Vorkriegszeit Vereinsspieler geworden, seither aber nicht mehr aktiv. Immerhin vermag er den spielhungrigen Ender an die Adresse in Meppen zu verweisen, wo auf schachspielende Zeitgenossen zu stoßen man gute Chancen hat: die „Börsenhalle“ am Markt - lang schon ist das Gebäude abgerissen. In dieser „Börsenhalle“ nun gastiert ein kleiner und recht eigenwilliger Kreis, von dem sich mit Bestimmtheit heute nur noch ein einziger Teilnehmer namhaft machen läßt, der Drogist Otto Lütke. Ist man zu zweit, so spielt man Schach, und wenn zu dritt dann Skat. Beim vierten Mann wird auf Doppelkopf übergegangen - das macht so viel nicht aus, Hauptsache Spiel. Daß ein derart laxer Dienst an der hohen Schachkunst einem Kurt Ender ganz und gar nicht entspricht, bedarf keiner weiteren Erläuterung. Die Idee liegt auf der Hand, da muß also ein Verein her.
Freilich, damit es sich lohnt, müßte schon mehr als eine Handvoll Spieler mittun. Und so scheint Kurt Ender auf den blendenden Plan verfallen zu sein, das ganze im großen Stil aufzuziehen und mit eine öffentlichen Kampagne jeder Beine zu machen. Ein glorioser Einfall ist, Oberstudiendirektor Knapstein vom Meppener Gymnasium um Hilfe anzugehen, zwecks Mitgliederwerbung unter den Primanern, und überdies ergehen persönliche Einladungen. So auch an Eugen Stetzko: ob der nicht Lust habe, dem neuen Schachklub beizutreten? Nun, warum nicht.
Da sei er also eines Abends in Richtung „Emsländer Hof“ losmarschiert, um sich im Verein einmal umzuschauen und dabei vielleicht die eine oder andere freie Partie zu spielen. Statt aber auf einen Spielabend sei er mitten in die konstituierende Sitzung selbst hineingeraten, alsgleich von Kurt Ender in schwungvoller Rede für den Vorsitz nominiert und per Akklamation der zwei Dutzend Anwesenden (darunter auch vielen Windthorst-Jugendlichen beiderlei Geschlechts) augenblicks in den Sattel gehoben worden - Eugen Stetzko kommt zum Vereinsvorsitz wie die Jungfrau zum Kind. Die Wahl seines Stellvertreters fällt dann auf einen Alten Herrn, den Justizbeamten Koepke, die Trainingsleitung indes, wo er in Zukunft zu glänzen gedenkt, reklamiert Kurt Ender für sich selbst und ebenso übernimmt er, gerade so recht in Fahrt, den Posten des Kassenwarts. Einmal hin und einmal her, da steht er bereits, der neue Schachklub Meppen. Ob man Vivat gerufen hat, weiß ich nicht, Kameras jedenfalls sind gezückt und Fotos geknipst worden. Man findet sie neben Enders Lobpreis an die eigene Adresse in jenem Zeitungsartikel vom Januar 1959 abgelichtet. Auf dem einen Bild erblickt der Betrachter den frischgekürten Trainingsleiter Kurt Ender, mit edler Pose kunstvoll in eine Stellung vertieft, ein Mann von Anfang-Mitte vierzig, mit breiter und hoher Stirn. Das zweite Foto zeigt im Profil Eugen Stetzko an einem anderen Brett, und wer genau hinsieht, ahnt um die Augen und den Mund herum einen winzigkleinen spöttischen Zug: auf eine Stippvisite geht man aus und kehrt als Vorsitzender eines Vereins nach Hause zurück. Sachen gibt´s.
Es mag sich hinter diesem Lächeln indes noch anderes verbergen, ein Unbehagen. Dann daß Ender die nicht geringe Last der Kassenführung aus schierer Menschenliebe auf sich genommen hat, daran kann Eugen Stetzko so ganz nicht glauben. Ihm schwant Unheil, und das kommt in der Tat. Als erstes ordert Ender mit großartiger Unbekümmertheit seine Interessen mit denen des Vereins in eins setzend, überreichlich Material und insbesondere Schachliteratur, durchaus zu eigenen Gunsten - eine Bestellung, die mangels finanzieller Mittel umgehend rückgängig gemacht werden muß. Gott sei dank zeigt sich der Verlag einsichtig. Mit diesem Desaster aber nicht genug, scheint auch der Trainingsleiter Ender nicht den Anklang gefunden zu haben, auf den er gerechnet haben wird. Noch heute ist Hans Jungeblut der Gazetten-Stil im Ohr, mit dem er seine Lehrstunden zu bestreiten pflegte. Eine Stellung ward vorgegeben und der Schüler mit solch enervierenden Sentenzen wie „Schwarz steht auf Verlust! Wie rettet Ender dennoch die Partie?“ aufgefordert, sich der Genialität seines Meisters in andächtigem Staunen eingedenk zu werden. Kurt Enders Engagement, auch und gerade für ein gezieltes Training, in allen Ehren - er scheint jedoch zu jenen Menschen gehört zu haben, deren Ego sie ihren Mitmenschen ziemlich unverträglich (damit allerdings auch für ein ganzes Leben unvergeßlich) macht.Und dennoch: Armer Kurt Ender. Es hätte den Schachklub Meppen ohne ihn nicht oder erst viel später gegeben; und doch war es so, daß sich in diesem Klub - einmal gegründet - ein Platz für ihn nicht mehr fand. Nur der Initiator sein zu können und spüren zu müssen, daß all das an Persönlichkeit, was für den Kraftakt der Gründung nötig gewesen war, nun nicht mehr ankommt und im Wege steht, ist ein undankbares Schicksal. Im übrigen hat alles sich bald von selbst gelöst. Wie es scheint, ist Kurt Enders Abordnung nach Meppen schon 1960 ausgelaufen und er nach Papenburg zurückgekehrt. Nur noch einmal hören wir von ihm: Mitte Oktober 1960 spielen die vereinigten Lingener und Meppener Mannschaften gegen eine Nordhorner Stadtauswahl, und hier ist Ender, „nach langer Spielpause“, ein letztes Mal dabei. Dann scheinen die Verbindungen nach Meppen abgebrochen zu sein und verliert sich seine Spur. In seiner Rede 1974 erinnert Rolf v. Hunnius an ihn, wie an etwas fern in der Vergangenheit Liegendes - an eine sagenhafte Gestalt fragwürdigen Charakters, und versäumt auch nicht, die klägliche Geschichte von der stornierten Bestellung auszubreiten. Was aber aus dem Initiator unserer Vereinsgründung eigentlich geworden ist, welche Wege sein Schicksal genommen hat, ich habe es nicht in Erfahrung bringen können. In Papenburg die Schachspieler verbinden mit seinem Namen nichts mehr. Armer Kurt Ender.

Nach Wer und Wo und Wie der Vereinsgründung bleibt noch die Frage: Aber wann genau? Der angestammte Termin der Klubabende ist bis in die 70er Jahre hinein Mittwoch gewesen, und das nachweislich mindestens seit 1960. Daß man schon in den allerersten Wochen ebenfalls an einem Mittwoch zusammengekommen ist, diese Vermutung drängt sich auf und wird durch ein kleines Indiz bekräftigt. In Alfred Immisch´ Mitgliedsbuch ist nämlich als Tag des Eintritts der 29. Januar 1959 festgehalten, wobei die Eintragungen von Immisch selbst vorgenommen worden und mit eigener Unterschrift ergänzt sind. Der 29. Januar ist ein Donnerstag; gut vorstellbar, daß diese Mitgliedsbücher (wahrscheinlich ja von jemandem en bloc besorgt) am Abend zuvor im Verein mit der Bitte verteilt worden sind, sie zu Hause auszufüllen und mit dem eigenen Porträt zu versehen - und der korrekte Immisch dies folgenden Tags sofort erledigt hat. Damit ständen zwei Termine zur Wahl. Gegen den 21. Januar spräche, daß ja schon drei Tage darauf die Gründungsanzeige einschließlich zweier Fotografien in der Zeitung erschienen ist und damit nur etwa anderthalb Tage verblieben wären, den Film entwickeln zu lassen und bei der Redaktion abzugeben - es sei denn, die Aufnahmen wären von einem Pressevertreter geschossen worden. Und da mir dies bei der Agilität eines Kurt Ender sehr gut möglich erscheint, lautet mein Tip für den exakten Gründungstermin dennoch: Mittwoch, der 21. Januar 1959.
Die Uhren auch eines mit noch so viel Emphase aus der Taufe gehobenen Vereins stellen sich rasch auf normal. In augenblicklicher Begeisterung tun anfangs viele mit, übrig bleibt nach einigen Monaten nur der harte Kern - die wahren Anhänger Caissas nämlich, gleich ob es Könner oder Patzer sind. Als diesen harten Kern nennt die anonyme Kurz-Chronik eine Gruppe von etwa zehn Spielern und führt Kurt Ender und Eugen Stetzko auf, Rolf v. Hunnius und Alfred Immisch, Kurt Oppermann (in den 60er Jahren lange Zeit der Kassierer des Vereins) und Georg Koepke, Otto Lütke und Nicolai Kuschke sowie Hermann-Josef Riemann und Lothar Knop. Wir haben keinen Grund, an dieser Angabe zu zweifeln, auch wenn sich der Autor zu Knop ein bißchen ungenau verhält, der dem Schachklub tatsächlich nicht seit Gründung, sondern erst vom August 1960 an zugehört.
Im“Emsländer Hof“ behaust der Verein zwei kleine Hinterzimmer, in denen man sich recht und schlecht einrichtet. Dafür sorgt der Senior, der damals schon rüstig auf die 80 zuschreitende Nicolai „Opa“ Kuschke, ein trotz allen Alters hingebungsvoller Jünger. Friedrich Guba hat ihn noch erlebt und erinnert sich an eine fast zierliche und straffe Erscheinung; auch glaubt er davon vernommen zu haben, daß Kuschke - ein Baltendeutscher - in jungen Jahren wohl ein recht namhafter Spieler gewesen sei. Diesem Rang jedenfalls entspricht seine Einstellung, berührt-geführt! ist die Parole. Jeder Schlappheit vorbeugend, erscheint Kuschke eines Tages mit den Bildnissen der von ihm verehrten Halbgötter - aller Weltmeister seit Steinitz´ Zeiten - und hängt sie zu demonstrativem Ansporn an die Wand der guten Stube. Ob´s geholfen hat? Nicht bei Otto Lüdke, der liebgewonnenen Gewohnheiten nicht entsagen mag und auch weiterhin das Schachspiel nur allzu gern mit eine Skatrunde krönt. Wahrlich, ein Dorn im Auge des Nicolai Kuschke, der übrigens mit der Dame in der Faust gestorben sein soll. So will es die Mär - so wird´s weitergegeben. Ohne Garantie.
Wenn die Konterfeis der Meister Leistungsvermögen und Motivation nicht aufzuhelfen vermögen, dann eben der edle Wettstreit einer Meisterschaft. Im Jahr 1960 werden gleich zwei Titel ausgespielt, weniger nach klarem Plan als vielmehr, um dem Kind einen Namen zu geben. Das erste Turnier wird als Stadtmeisterschaft deklariert, und etwas überraschend fällt der Sieg Koepke zu. Als Vereinsmeisterschaft fungiert dann das nächste, und hier gewinnt Eugen Stetzko, der nach dem Abgang von Kurt Ender unbestritten stärkste Spieler im Klub und darum auch die Nummer Eins in der zeitgleich formierten Mannschaft, vor Riemann und Lütke. So wollen es die dürftigen Unterlagen. Das Adlerauge des Chronisten erspäht hier den unerklärlich langen Zeitraum, der zwischen Gründung (Januar 1959) und erstem Turnier (1960) verstrichen sein soll. Nun - an dieser Stelle hat Hans Jungeblut zu helfen vermocht, wie er sich während des Interviews daran erinnern konnte, anno 1959 an einer Meisterschaft des Vereins teilgenommen zu haben. Besonders befriedigend sei sein Remis gegen Ender gewesen, den dieser halbe Punktverlust alle Chancen auf den Titel gekostet habe. Sieger sei ein Riemann oder so geworden. Hermann-Josef Riemann?
Schön wäre es, gingen Rätsel so glatt auf. Auf der Suche nach Kurt Ender bekam ich in Papenburg eine Adresse in die Hand gedrückt, unter der denkbarerweise etwas über ihn zu erfahren sei, es könnte sich dabei um einen alten Bekannten Enders handeln. Diese Adresse verwies mich nach Ostfriesland, an einen zweiten Riemann. Schon Stetzko hat sich an einen Gefährten Enders erinnert, und so mag es sein, daß der erste Titelträger in der Geschichte unseres Vereins jener Riemann aus Ostfriesland ist. (Inzwischen hat sich die Sache geklärt, der erste Vereinsmeister war tatsächlich Hermann-Josef Riemann.)

Und wie haben die Partien damals augesehen? Ganz im ungewissen bliebe dieser Punkt, hätte nicht Alfred Immisch neben seinen Artikel auch einige seiner Schachpartien hinterlassen, jedes Formular nach Großmeisterart von beiden Kontrahenten signiert. Meisterlich ist es aber nicht zugegangen. Das Spiel gegen einen Schott, vom Dezember 1959, ist die älteste überlieferte Partie der Vereinsgeschichte und läßt sich nur mit viel Wohlwollen als Handgemenge charakterisieren, und ein späterer Kampf gegen Lothar Knop scheint ganz den Grundsätzen schnellstmöglichen Abholzens zu entsprechen. Getauscht wird, was sich tauschen läßt, um für den Rest des Spiels mit König und Bauern umherzuziehen. Ob solches Ausnahme oder Standard gewesen ist, weiß ich allerdings nicht zu sagen, glaube jedoch, letzteres. Denn mit Schulung und Training war es damals, trotz Kurt Ender und Nicolai Kuschke, nicht so weit her.
Wenig fundiert, überwiegend Erinnerungen und Überlieferungen folgend, ist die Chronik bis hierhin, bis zum Sommer 1960. Danach verliert sich das Sagenhafte, und unser Bericht gelangt auf vergleichsweise sichere Grundlage. Der Anlaß ist ein äußerer, dann nach gut einem Jahr macht sich der Schachklub Meppen daran, über den Tellerrand der eigenen Existenz hinauszuschauen. Im Februar 1960 ist es erstmals zu einem freundschaftlichen Vergleich mit Auswärtigen gekommen, man fährt zum ebenfalls im Vorjahr gegründeten Nachbarverein in Lingen hinüber, mißt dort an 12 Brettern die Kräfte und zieht mit 5:7 den kürzeren. Während dieser erste Städtevergleich anscheinend noch keinen Niederschlag in der Presse gefunden hat, nutzt Immisch den Rückkampf im August desselben Jahres, um mit zunächst der Ankündigung und dann einem regelrechten Spielbericht an die Öffentlichkeit zu treten. Diese beiden Artikel bilden den Anfang einer umfangreichen Sammlung von Pressezeugnissen, die die Erfolge und Mißerfolge des Schachklubs fortan dokumentiert haben.
Immisch´ Bereicht von jenem Rückspiel gegen Lingen, im „Emsländer Hof“ ausgetragen, gibt uns erstmals einen Einblick in das Vereinsleben. Da nebenher auch die gerade abgeschlossene Vereinsmeisterschaft resumiert wird, wissen wir, daß das Turnier damals trotz der geringen Zahl der Mitglieder in zwei Gruppen ausgetragen wird. In der oberen kommt Stetzko vor Riemann und Lütke ins Ziel, unten liegen Oehm und Immisch gleichauf. Und da die dramatisierende Schilderung des zweiten Treffens mit den Lingenern die Namen der erfolgreichen Spieler und teilweise auch deren Brettplazierungen mitteilt, so läßt sich ein halbwegs stimmiges Bild von den Vereinsmitgliedern und ihrer Rangfolge zeichnen. Neben Koepke (Brett 2) und Riemann (Brett 4), Lütke und v. Hunnius werden Lothar Knop und zwei Jugendspieler genannt, deren Vornamen nicht überliefert sind: Oehm (Brett 8) und Schaaf. Opper-mann und Immisch sowie der alte Nicolai Kuschke dürften die verbleibenden Bretter eingenommen haben. Ürigens scheint es wirklich ein dramatischer Kampf gewesen zu sein, wofür nicht allein der knappe Endstand von 6:5 für den Schachklub Meppen, sondern auch das Geschehen am zweiten Brett spricht. Hier, in der letzten laufenden Partie müssen Koepke und sein Kon-trahent Penger derart in die Sache verbissen gewesen sein, daß die Schlacht auch nach Ablauf beider Uhren fortdauert und erst von den Umstehenden beendet wird.
Elf Teilnehmer auf beiden Seiten, und sehr viel umfangreicher dürfte die Zahl der Stammspieler in der Tat nicht gewesen sein. Das legt auch der nächste Vergleichskampf im Oktober gegen Nordhorn nahe, von dem oben schon kurz die Rede war. Um den Nordhornern wenigstens zahlenmäßig Paroli bieten zu können, müssen sich die Teams aus Lingen und Meppen für das Kräftemessen an 23 Brettern schon zusammentun. Vermutlich hat es sich dabei wohl auch um so etwas wie eine Aufnahmeprüfung für die Bezirksklasse gehandelt, in der die beiden Neuvereine von diesem Winter an mittun wollen, denn neben den Spielern ist aus Nordhorn auch Werner Heuser angereist, Bäckermeister seines Zeichens und schon damals (und dann bis weit in die 80er Jahre hinein) der Vorsitzende unseres Bezirks. Wie weit man noch zurück ist, zeigt einmal das klare Gesamtergebnis von 14:9 für Nordhorn und weiters die Tatsache, daß der Bericht von Immisch diesmal nur drei erfolgreiche Meppener Spieler benennen kann - Ender und Knop sowie Immisch selbst.

Mit diesem Ereignis enden die Kinderjahre unseres Vereins. Bis dahin noch ganz der lockere Rahmen nur für Liebhaberei und Zeitvertreib, mehr ein Ort der Begegnung denn ein festgefügter Organismus, wird der Klub von nun an Teil des organisierten Schachs, mit seinen Regeln und Verpflichtungen, was keinen geringeren Wandel auslöst als etwas die Veränderung, die zwischen ungebundener Kinderzeit und dem Eintritt in das Schulleben statthat. Gleichzeitig findet auch im Verein selbst eine Veränderung statt. Eugen Stetzko wird nach langen Jahren emsländischen Exils nach Hannover zurückberufen und übergibt im November 1960 die Amtsgeschäfte an Rolf v. Hunnius.
Wenn seither das vorrangige Interesse auch den Ligakämpfen im Bezirk und Verband gilt, es um Punkte wie um Auf- und Abstieg geht, gehören Freundschaftsspiele, so wie sie 1960 erstmals stattgefunden haben, zur langen und guten Tradition des Schachklubs Meppen. Besonderen Augenmerk verdienen hier die zwar zwischendrein für lange Zeit eingeschlafenen, stets aber neubelebten Kontakte zu den holländischen Vereinen Emmen und Ter Apel. Diese Tradition geht zurück auf das Jahr 1962 und beginnt mit einer Einladung aus Ter Apel, eine Delegation auf das Turnier zu entsenden, das dort zum 25jährigen Vereinsjubiläum ausgerichtet wird. Zu ihrem ersten internationalen Einsatz reisen im Februar neun Meppener Spieler an, unter ihnen selbstverständlich der Vorsitzende Rolf v. Hunnius, wie aber auch die neuesten Verstärkungen des Schachklubs, Friedrich Guba und Leonhard Hiemann. Noch während des Turniers, an dem sich über einhundert Spieler in Vierer-Gruppen beteiligen, werden für die Zukunft Besuche der Vereine Emmen und Ter Apel im Emsland verabredet, die im April und Mai auch erfolgen. Auf Gegenbesuch ist man dann im Herbst unterwegs. Im folgenden Jahr - nach einem weiteren Februar-Termin in Ter Apel - sieht das Treffen eine veränderte Form, denn hier tritt eine aus Lingen und Meppen kombinierte Mannschaft gegen ein gemischtes Team aus Ter Apel und Emmen an.
Nach diesem Kraftakt sind die Beziehungen jedoch - bis auf ein Vier-Städte-Turnier zwischen Ter Apel, Papenburg, Lingen und Meppen im Jahr 1966 - wieder eingeschlafen; für die folgenden 15 Jahre lassen sich Besuche jedenfalls weder über entsprechende Zeitungsartikel nach anhand der Partiensammlung von Friedrich Guba nachweisen. Und weil Guba auch die Notationen solcher Freundschaftspartien gewissenhaft gesammelt hat, neige ich dazu, daß in der Tat die Verbindung nach Holland bis 1978 geruht hat. Erst dann ergeht wieder eine Einladung nach Emmen, und so harmonisch verläuft dieses Treffen Anfang Oktober, daß die Emmener einen Pokal aussetzen, um den in Zukunft einmal im Jahr gespielt werden soll. Nach dem fälligen Gegenbesuch in Immen - 1979 - und möglicherweise auch noch einer dritten Begegnung ist aber auch diese Initiative versandet.
Erst über eine Fahrt im Oktober 1987, nach Ter Apel, ist der Chronist wieder unterrichtet. Eine im Gegensatz zu früheren Zeiten wahre Völkerwanderung, denn nicht weniger als 35 Spieler bietet der Schachklub Meppen zu dieser Gelegenheit auf. Als einziger jener ersten Delegation von 1962 ist Friedrich Guba mit dabei, und wie ihm jetzt sein Gegner von damals entgegentritt, da kann er sich eines Gefühls der Rührung nicht erwehren. Tief innen aber wird es einem bei aller Wiedersehensfreude klamm ums Herz. Wohin nur ist die Zeit? Ein Vierteljahrhundert, fast ein halbes Leben.