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„Tief ist der Brunnen der Zeit...“
Karneval 1997. Mein Vater, ein Mann der Ordnung, gedenkt demnächst den Boden zu entrümpeln. Wenn dort noch Dinge von mir seien, so möge ich sie in Sicherheit räumen. Aus den Tiefen eines nur halbwegs guten Gewissens taucht wie von ungefähr das Bild dreier Ordner auf; ein wenig Mühe habe ich, mich auf die Einzelheiten zu besinnen. Etwa liegt die Sache so: Vor längerer Zeit, es mag 1991 gewesen sein, ist Heinz Albers auf mich zugekommen und – ach ja, ob ich denn nicht übrigens mal die drei Vereinsordner an Uwe Meng übergeben könnte, wegen der Chronik. Richtig, da war so etwas. Weil ich aber keine Idee habe, was aus ihnen geworden, und es bestimmt so sein wird, wie es mir just im Moment einfällt, schüttele ich bedauernd den Kopf und meine, daß Uwe sie schon haben müsse, ich jedenfalls nicht mehr. Anscheinend hat Uwe sie aber doch nicht, denn eine Weile später (1993 oder so – oft haben wir uns damals nicht gesehen) kommt Heinz wieder an und klingt jetzt ein wenig dringend, ich möge doch bitte noch einmal bei mir nachschauen; wegen der Chronik. Das nächste Jahr, das gleiche Spiel, es wäre doch wirklich schade um das Material. Und so weiter und so weiter, daß ich die Begegnungen mit Heinz zu fürchten lerne: die Chronik – die Ordner. Aber mein Herz ist rein, und ich habe sie nicht. Nun indes doch ein schlechtes Gewissen. Selbstverständlich sind die Ordner nicht bei mir, aber – you never know, und schade und bedauerlich wär’s ja in der Tat. Auf dem Boden, dessen Ecken ich gründlich überprüfe, findet sich nichts; selbstverständlich. Reinen Herzens, nun wieder federleicht, schreite ich in mein Zimmer hinüber und lasse, die Türe öffnend und die Klinke noch in der Hand, den Blick auf eine Tüte aus grobem Packpapier gleiten, die dort (so fällt es mir jetzt ein) schon seit Jahren steht. Was da wohl drinnen ist? Unschwer wird es der Leser erraten, es sind die drei Vereinsordner. Zu Füßen meiner Bettstatt hatten sie die ganze Zeit zugebracht, alleweil im Blickfeld und doch nie gesehen. Mit also gründlich schlechtem Gewissen beschließe ich, umgehend Buße zu tun. Vor mir liegt der ganze Nachmittag, und so wird die Tüte herbeigenommen, der älteste Ordner herausgesucht, das Blättern angefangen: alte Zeitungsartikel finden sich, Tabellen, Schreiben, Schnappschüsse – das alles trocken raschelnd, vergilbt und diesen feinen Geruch des Verfalls verströmend, der altem Papier zu eigen ist. Bald stellt sich, indem ich am Schreibtisch sitze und die Seiten durchgehe, ein beklemmendes Gefühl ein, die Wehmut. Dies sind ja Zeugnisse des Lebens, restlos nun Geschichte gewordenen Lebens, unwiederbringlich in eine Ferne gerückt, die kein noch so gewaltiger Fortschritt je wird überbrücken können, in die Vergangenheit. Und was wäre geeigneter, mit diesem Gefühl ein Vorwort zur Chronik zu bestreiten, mit der Empfindung von Trauer über die Vergängnis von Zeit und Augenblick? Derart habe ich im Karneval 1997 einen halben Nachmittag damit zugebracht, über die Vergangenheit zu schreiben – in Bilder und Worte dies Vorbei zu fassen - , und nur einen halben Nachmittag hat die Arbeit gedauert, da sich die Sätze gleichsam von selbst formulierten, treffsicher und schnell. Überraschend schnell. Am Ende fehlte es dem Artikel einzig noch am schmückenden Zitat, und auch das war rasch zur Hand. Zufrieden, jetzt wieder guten Gewissens, schrieb ich über meine Seite, womit Thomas Mann seinen Roman über den biblischen Joseph beginnen läßt: „Tief ist der Brunnen der Zeit, sollte man ihn nicht unergründlich nennen?“
Beim Wegräumen nach getaner Arbeit fällt mir noch eine schmale, grüne Broschüre entgegen, die sich aus irgendeiner Klammer gelöst haben muß, über die Bezirksjugendmeisterschaften 199o in Meppen. Und ganz noch in wehmütiger Stimmung stoße ich beim raschen Durchblättern, nach vielen Seiten mit Tabellen und Werbung, auf die Zeile: „Chronik des Schachklubs Meppen“ Und unter dieser Überschrift beginnt der Text mit den Worten: „Tief ist der Brunnen der Zeit...“ Was in solchem Moment in einem vorgeht? Unglaube und Kopfschütteln ist es, Zweifel an der vertrauten Logik unserer Weltordnung, in der von einer Sekunde auf die andere Gespenster umgehen, sich Vergangenheit und Gegenwart zu Wiedergängern verkehren. Wie denn kann es sein, daß die Chronik vor ihrem Entstehen bereits vollendet ist und an ihrem Anfang das gleiche Zitat steht, mein Zitat? Und wie – so die zunehmend panische Frage beim Überfliegen der Seiten der Seiten – geht das an, daß hier das gleiche, an einigen Stellen das Wort um Wort gleiche abgedruckt zu lesen steht wie auf dem Blatt Papier, das vor zwei Stunden noch blank vor mir auf dem Schreibtisch lag? Wie hat jemand vor zehn Jahren vorauswissen können, was ich in diesen zwei Stunden empfinden und formulieren würde? Ein Albtraum, die Nackenhaare stellen sich auf. Schließlich stand am Ende des Artikels der Name des Verfassers – es war mein eigener. Und da erst fiel alles mir wieder ein: ich hatte eine Chronik des Schachklubs Meppen schon einmal zu schreiben begonnen und nun, im Abstand von acht Jahren und ohne jede bewußte Erinnerung daran, den gleichen Text ein zweites Mal erfunden.
Eine rätselhafte Instanz ist das Gedächtnis. Vieles, was wenig weit zurückliegt, entfällt ihm. Anderes bleibt in Jahrzehnten verwahrt und ist auch dann noch so frisch und lebendig wie in der Minute, in der es geschah. Zu meiner und der Chronik Glück war solcherart das Gedächtnis der Alten Herren, die nach der Vergangenheit auszufragen ich besucht habe. Und da sich gerade aus dem ersten Jahrzehnt unserer Vereinsgeschichte Dokument nicht in großer Zahl erhalten haben, hätte meine Chronik ohne das Erinnerungsvermögen dieser Ehemaligen nicht entfernt das werden können, was sie geworden ist – von den Atmosphäre und Farbe vermittelnden Details ganz abgesehen. Daß Leo Hiemann stets und immer einen Riegel Zartbitterschokolade dabei hatte, und zu welchem Zweck, findet sich in keinem Artikel und keinem Ordner festgehalten. Ihm und Heinz Neumann, Lothar Knop und Eugen Stetzko und insbesondere Friedrich Guba möchte ich an dieser Stelle für ihre Bereitschaft danken, sich in Interview und Briefwechsel auf eine Reise in die Vergangenheit eingelassen und mir alles verfügbare Material zur Verfügung gestellt zu haben.
Um etliche Seiten ausführlicher geworden als mein erster Versuch ist diese Chronik. Vollständig ist sie dennoch nicht. Wer gerade als Jugendspieler in ihr nach der Darstellung der vielen und auch seiner persönlicher Erfolge aus letzter Zeit sucht, der sucht vergebens: das letzte Kapitel schließt mit dem Jahr 1989. Das mag viele unter Euch enttäuschen und die Chronik vielleicht rasch wieder weglegen lassen. Und ganz und gar ungerecht ist der Rückblick einem Menschen gegenüber, dem der Schachklub seine rasante Entwicklung im letzten Jahrzehnt wie die vorbildliche Jugendarbeit zuallererst zu danken hat, Heinz Albers. Ohne Würdigung seiner Arbeit als Vereinsvorsitzender wie als Jugendwart im Bezirk Osnabrück-Emsland kann die Darstellung der Geschichte unseres 4o Jahre alten Schachlubs eigentlich nicht vollständig sein. Ich weiß das; gleichwohl aber hat mich mit jedem Kapitel, mit dem ich mich an unsere Gegenwart herangeschrieben habe, eine immer stärkere Unlust befallen, die Arbeit fortzusetzen. Lange Monate ist mir diese Abneigung ein Rätsel geblieben, bis ich mich dann wieder an jenen Nachmittag im Karneval 1997 erinnert habe. Eine Chronik ist nichts anderes als die Statistik der Zeit. Mit ihr wird Jahr um Jahr das gesammelt und festgehalten, was die Geschichte eben auch Jahr um Jahr geschehen läßt. Von allem Anfang an aber ist meine Motivation eine andere gewesen; jene raschelnden Relikte aus längst vergangenen Schachtagen sind heute nurmehr totes und leeres Geschehen und würden dies – so habe ich es empfunden – auch bleiben, wenn ich nicht den Versuch unternehmen würde, die Vergangenheit wenigstens auf dem Papier wieder mit Leben zu erfüllen. Die Welt des Alten Schachklubs Meppen, wie er bis 1974 bestanden hat, ist dahin und in unserem Vereinsleben der Gegenwart nicht mehr zu erfahren – eine Zeit unvertrauter Namen und unbekannter Gesichter und von einer Erscheinung, die man sich bald nicht mehr vorzustellen vermag. Und nur wenig besser steht es um den Schachklub Meppen-Haselünne, den Verein von Heinz Neumann und Bruder Basilius. Der Geschichte dieser zwei Vereine und ihrer Mitglieder wieder ein wenig von jener Gegenwart zurückzugeben, die sie damals besessen haben, ist das Anliegen dieser Chronik, die sich nur so nennt, in Wahrheit aber eine Erzählung ist. Noch lange nicht Geschichte ist das letzte Jahrzehnt unseres Vereins. Das erzählen und mit Leben füllen zu wollen, da es doch selbst noch gegenwärtig ist, wäre unsinnig.
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